Sich an das Erlebte beim Reutlinger Amoklauf im Sommer 2016 zu erinnern, war für die Betroffenen und die Beobachter nicht schwer: Eine derart schreckliche Bluttat vergisst man sein Leben lang nicht. Aber es war für alle ein Alptraum, sich als Zeugen vor Gericht erinnern zu müssen; um davon zu berichten, wie sie in panischer Angst an diesem 24. Juli 2016 versuchten, vor dem Täter mit dem riesigen Schlachterbeil wegzulaufen. Und dann war da der junge Mann, der dem blutüberströmten Opfer zur Hilfe eilte, die Wunden stillen wollte – vergebens. Die 45-Jährige, Mutter von vier Kindern, verblutete am Rande des Federnseeplatzes. Der Syrer Mohammad H., eine Bettbekanntschaft der Polin, hatte Jolanta K. zuvor durch die Eberhardstraße gejagt und ihr dann mit fünf Hieben den Hals fast komplett abgetrennt. 
Anfänglich war von einem »Wahnsinnigen«, die Rede, der sich »im Blutrausch« den Weg durch die Karlstraße gebahnt habe.
Das Medieninteresse war gewaltig, geschah die Reutlinger Tat doch nur zwei Tage nach dem Amoklauf von München, wo neun Menschen starben. Nach neun Prozesstagen vor dem Landgericht Tübingen aber stand fest: Der 22-jährige Syrer tötete am 24. Juli 2016 gezielt und aus Eifersucht. Zwei weitere Menschen wollte er abschlachten, verletzte diese schwer, bevor er schließlich in ein fahrendes Auto lief und überwältigt werden konnte.
Die Schwurgerichtskammer verhängte eine lebenslange Haft und erkannte zudem die »besondere Schwere der Schuld.« Mit diesem Hinweis wird den Justizbehörden geraten, den Mann nicht bereits nach 15 Jahren freizulassen, wie das bei »lebenslang« Verurteilten häufig der Fall ist. »Eine solche Todesangst von Menschen habe ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt«, bekannte der Vorsitzende Richter. Ulrich Polachowski meinte damit, dass, trotz des zeitlichen Abstands bei den Zeugen, die das Gericht in den letzten acht Wochen befragte, »der Schrecken allgegenwärtig blieb«. Mord und Totschlag, brutale, enthemmte Gewalt und das Leid der Opfer sind für Polachowski tägliche Berufsrealität. Der Richter hatte zum Beispiel auch den Vorsitz im Verfahren gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden. Im März 2009 hatte dessen Sohn, ein 17-jähriger Schüler, 15 Menschen erschossen.
Umso verstörender war es für Außenstehende, dass ein vermeintlich gestählter Jurist so sehr selbst betroffen ist; der nicht nüchtern Zeugenlisten abhakt, sondern auf so bemerkenswerte Weise mitempfinden kann. Respekt, das ehrt diesen Juristen. Aber es kommt Gänsehaut auf, wenn gerade Polachowski, der es ja nun seit Jahrzehnten mit den schlimmsten Verbrechen zu tun hat, ausgerechnet im Reutlinger Fall den Superlativ wählt: »So etwas hab’ ich noch nie erlebt«. Polachowski: »Ich dachte, irgendwann entfernt man sich vielleicht vom Unmittelbaren, um nüchtern berichten und befragen zu können« – stattdessen blieb das Entsetzen allgegenwärtig. 
Im Alter von 17 Jahren schloss sich Mohammad H. in Syrien kurdischen Befreiungskämpfern an. Der stämmig gebaute Mann mit der so hellen, fast kindlichen Stimme, der nach seiner Flucht vom rechten Weg abkam, mit Drogen dealte, sich mit der Polizei und Mitbewohnern in der Reutlinger Asylunterkunft anlegte, brachte erst gegen Ende des Prozesses sein eigenes Lügengebäude zum Einsturz. »Ja, es war Eifersucht und verletzte Ehre«, so der Täter.
Zuvor hatte er stets behauptet, die Stimme seines verstorbenen Großvaters hätte ihm befohlen, zu töten. Nach einem Wortgefecht mit Jolanta K. auf offener Straße ging er in das Döner-Lokal, wo er beschäftigt war. Er holte sich dort dieses monströse Beil, mit dem Metzger Lämmer zerteilen.
Eine Tat im Affekt war das also nicht, so das Gericht. »Und Sie haben versucht, auch unbeteiligte Menschen zu töten«, so der Richter. Solch ein geplantes, brutales Handeln rechtfertigt nun wirklich »lebenslänglich« mit dem Urteilszusatz »besondere Schwere der Schuld«.
Lebenslang bleiben auf jeden Fall die Traumata vieler Menschen, die an diesem sonnigen Nachmittag im Juli 2016 zur falschen Zeit am falschen Ort waren.