Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch ist der Geduldsfaden gerissen: Vor genau zwei Jahren schon hatte sie nach einer Dreiviertel-Mehrheitsentscheidung im Gemeinderat einen Antrag auf Stadtkreisgründung beim Land gestellt. Was landläufig auch als »Auskreisung« bezeichnet wird. Dabei ging es aber zunächst nur darum, diesen Prozess ganz formal überhaupt erst einmal anzustoßen, ihn auf den Weg zu bringen. Doch bis heute fährt das Land eine Hinhaltetaktik, die Bosch und ihre Mitarbeiter zurecht empört.


Mit »fadenscheinigen Argumenten« werde man nun vertröstet, die Sache werde bewusst liegengelassen, sagt die Rathausspitze. Die SPD im Landtag hatte auch schon eine Anfrage gestellt. Doch die Antwort des zuständigen Innenministeriums von Thomas Strobl (CDU) sei eine »Dokumentation des Unwillens und der Untätigkeit«, ärgert sich Reutlingens Verwaltungsbürgermeister Robert Hahn.
Zahlreiche Gespräche seien bereits geführt worden, auch mit Vertretern der Landtagsfraktionen. Und dabei ging es nicht um die inhaltliche Frage des Für und Wider einer Auskreisung. Es ging allein um die Ingangsetzung des Verfahrens, worauf die Stadt ein Recht hat. Die Erörterung darüber, ob eine Trennung der Stadt vom Landkreis dem Allgemeinwohl diene, oder ob es womöglich eher Schaden anrichtet, folgt später.


Vor allem sah der Zeitplan vor, was auch Sinn macht, dass die Stadtkreisgründung vor den Kommunalwahlen im Herbst 2019 abgeschlossen ist. Schließlich wäre es Blödsinn, dass die Bürger - womöglich noch mitten im Prozedere - zum Beispiel einen Kreistag wählen. Würden dort etwa noch einmal Reutlinger kandidieren und einziehen, um das Gremium danach bald wieder verlassen zu müssen, weil der Landtag inzwischen den »Stadtkreis Reutlingen« genehmigt hat? Was die Stadt aber verständlicherweise noch mehr auf die Palme bringt ist, ist eine Passage in der ministeriellen Antwort auf besagte SPD-Anfrage im Landtag. Jedenfalls kann es nur eine krude Mischung aus Unwissen, Ignoranz oder Desinteresse an dem Fall sein, dass die Landesregierung das Thema Reutlingen und Bad Herrenalb in einen Topf wirft. 

Wie anders ist es zu erklären, dass das Verlangen von Bad Herrenalb, den Landkreis zu wechseln - vom Kreis Calw zum Landkreis Karlsruhe - gleichgesetzt wird mit dem Stadtkreisverfahren Reutlingen. »Da werden Äpfel mit Birnen verglichen«, sagte Hahn auf einer Pressekonferenz. Die wurde einberufen, weil die Stadt das Aussitzen und die Hinhaltetaktik nun endlich satt hat. Bevor das Land das Verfahren in Gang bringen werde, wozu es verpflichtet ist, müssten zunächst noch »laufende politische Gespräche abgewartet« werden, so Stuttgart – was immer das heißen soll.


»Vorabstimmungen« seien »noch nicht abgeschlossen«, so das Innenministerium – und das alles nach zwei Jahren der nachweislichen Untätigkeit.
Doch sogleich leistet Strobl einen Offenbarungseid: Das Land, seit den 70er-Jahren nicht mehr mit einer Auskreisung befasst gewesen, hat ganz offensichtlich mächtig Bammel davor, dass der Fall Reutlingen eine Lawine lostreten könnte, andere Städte oder Kreise ebenfalls andere gebietskörperschaftliche Konstellationen beantragen könnten.
Würden solche Überlegungen angestellt, könnten politische Diskussion über andere »Korrekturen« ausgelöst werden, so das »Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration«, wie das Hause Strobl nun heißt. Na und? Sollen sich Städte und Kreise etwa keine Gedanken über ihre Zukunft machen dürfen?


Doch, noch einmal: Mit Reutlingen hat das nichts zu tun. Laut Gemeindeordnung können Kommunen per Landtagsentscheidung zu Stadtkreisen erklärt werden. Einen rechtlichen Anspruch darauf haben sie zwar nicht - wohl aber das Recht auf einen Startschuss. Indes: »Mit abwegigen Argumenten«, so Barbara Bosch, wolle das Ministerium die Sache aussitzen. Wobei die Oberbürgermeisterin recht hat, blickt man auf die ausweichenden und wirren Antworten aus dem Hause Strobl.