Reutlingen ist eine der sichersten Städte in ganz Deutschland. Die Kriminalitätsstatistik 2017 zeigt das auf und beweise, dass die Achalmstadt damit »deutlich unter dem Landesdurchschnitt« liege, wie Polizeipräsident Prof. Alexander Pick vor kurzem bei einer Veranstaltung zum Thema Sicherheit betonte. Die Reutlinger SPD hatte in den Spitalhof eingeladen, Thema an diesem Abend war, dass trotz der insgesamt rückläufigen und somit positiven Entwicklung der Kriminalitätsstatistik ein Gefühl der Unsicherheit in Reutlingen wie in ganz Deutschland deutlich zunehme. Das betonte nicht nur der Polizeipräsident, sondern auch der SPD-Landtagsabgeordnete Ramazan Selcuk. 

Wie es zu diesem gesteigertem Angstgefühl kommt? Laut Pick gebe es eine ganze Gemengelage an Gründen dafür, mit dabei ist die weltweite Situation: Klimawandel, jede Menge Kriege, Konflikte, Terror, Bombenanschläge und eine Verrohung der Sitten durch die sozialen Medien und gar auf höchster staatlicher Ebene wie etwa durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump oder Recep Erdogan tragen ihren Teil dazu bei. Manchmal würde man wohl am liebsten auswandern – irgendwohin, wo man sich sicher fühlte. Nur: Wo auf diesem Globus ist man noch sicher? Wohin könnte man fliehen, um all den Querelen, Unruhen, Problemen zu entgehen? Neuseeland vielleicht. Weil es so schön weit weg ist von allem anderen. Dabei ist Deutschland doch immer noch einer der sichersten Orte der Welt.
Genau das denken und schätzen viele Menschen außerhalb der Bundesrepublik. Aus Syrien etwa und aus anderen aussichtslosen Gegenden der Welt. Kann man ihnen verdenken, dass sie nach einem sicheren Platz für sich und ihre Familie suchen? Dumm nur, wenn in ihrem Traumland eine gar nicht so geringe Anzahl an Bürgerinnen und Bürgern Angst vor den Flüchtlingen haben. Warum das so ist? Angst vor Fremdem wurde uns genetisch in die Wiege gelegt, hatte Alexander Pick gesagt. Und natürlich kommen nicht nur Engel hierher, sondern auch kriminelle Elemente. Natürlich gehören die bestraft. Die ganz große Mehrheit der Geflüchteten begehe aber keinerlei Straftaten, betonte Pick. Sie wollen einen Job, arbeiten, Ruhe und Frieden.

Die Hetze von rechts gegen Ausländer, Flüchtlinge, Fremde ist hingegen unerträglich. Einfach nur menschenfeindlich. Und sie macht auch vor der »großen Politik« nicht halt. Innenminister Horst Seehofer sprach etwa nach der missglückten Abschiebung in Ellwangen vor wenigen Tagen davon, dass es sich bei der Aktion von vermeintlich 150 Flüchtlingen – die die Abschiebung eines Mannes aus Togo durch die Polizei verhindert hatten – um »einen Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung« gehandelt hätte. Das war nicht nur unverschämt und unchristlich (um auch mal das C in seiner Partei der CSU aufzugreifen). Die Tageszeitung »taz« ist nämlich dem Vorfall in Ellwangen nachgegangen, hatte recherchiert und keinerlei Anzeichen für Gewalt gegenüber der Polizei gefunden. Jetzt meldet die Nachrichtenagentur dpa, dass bei der Abschiebeaktion zwei Polizei-Praktikanten dabei waren. Und die Flüchtlinge in Ellwangen demonstrieren ge-gen die »unmenschliche Abschiebepraxis«, sie betonen, dass sie nicht 150, sondern 50 waren, als sie gewaltlos die Abschiebung des Togoers verhindert hatten. Warum aber hatte Seehofer so getobt? Klar, in Bälde steht die Landtagswahl in Bayern an und Horst Seehofer versucht einmal mehr der AfD das Wasser abzugraben. Solch irrlichterndes Draufhauen auf die »bösen Flüchtlinge« verstärkt aber das allgemeine Gefühl der Unsicherheit in der Bevölkerung. 

Am besten gegen die Angst vorgehen könne man laut Alexander Pick durch Offenheit. Durch Begegnung. »Gehen Sie abends öfter mal spazieren, machen Sie den Fernseher oder den Computer aus und lernen ihr Wohngebiet, ihre Nachbarn kennen«, forderte der Polizeipräsident. »Und wenn Ihnen fünf dunkelhäutige junge Männer begegnen und die sagen ‚Grüß Gott, wir kommen gerade vom Deutschkurs’ – dann haben Sie die auch mal kennengelernt.«
Ja. Offenheit und nachbarschaftliche Kontaktaufnahme kann tatsächlich gegen Angst helfen. Nicht gegen die großen, weltweiten Bedrohungen wie den Klimawandel. Aber doch gegen das Gefühl der Unsicherheit in seiner persönlichen Umgebung. Kennt man die Menschen hier, ist man nicht mehr ganz so allein.