»Es läuft«, sagt er und strahlt. Muhammad Zahid Usman drückt den Schalter. Das Licht brennt, Arbeit erledigt. Der Pakistani arbeitet als Elektroniker für Energie und Gebäudetechnik bei Ebinger und Munz in Unterhausen. Der 33-Jährige verließ seine Heimat und fand Aufnahme bei uns. Im kommenden Jahr will er seinen Meister machen. Als absoluten Glücksfall bezeichnet ihn sein Chef Gernot Ebinger  – menschlich wie handwerklich. 

Deutschland verändert sich. Beim Besuch in einem Kindergarten wird das besonders deutlich. Die Migration hinterlässt bunte Spuren. Die Menschen verändern sich, der Umgang untereinander verändert sich. Aus Respekt wird Hetze, aus Nächstenliebe Hass. Beides gehört mittlerweile zum Alltag – dumme Äußerungen befeuern die Situation permanent. Überfremdung ist so ein Wort, das haltlos und inflationär ausgespuckt wird. Durch wilde schamlose und unverschämte Propaganda von Populisten und deren Handlanger in Parteien wie der AfD kehrte es in den Wortschatz zurück. Seitdem fühlen sich Normalbürger bestärkt, offen Menschen anzugehen und zu beleidigen. Das Internet gibt ihnen den Raum und ist ein sprechendes Beispiel dafür. Zeitungsredakteure und Journalisten können ebenso ein Lied davon singen. Die Atmosphäre ist aggressiver geworden – und endet im schlimmsten Fall im Mord wie im Fall des Regierungspräsidenten Lübcke. Und warum? Weil Menschen kommen. Weil sie in ihrer Heimat keine lebenswerte Umgebung mehr finden, wegen Verfolgung, Terror, Willkür, Hunger, Krieg. 
Zu diesen Menschen gehört auch Muhamad Zahid Usman. 2011 und 2012 eskalierte die Situation in seiner Heimatstadt Gujrat. Sie liegt im äußersten Nordosten von Pakistan zwischen Islamabad und Lahore in der Nähe der Unruheregion Kaschmir. Kurz nach den Terroranschlägen des 11. September herrschte hier Unsicherheit, es gab jeden Tag Anschläge, berichtet Usman. Nach langem Nachdenken und Gesprächen, hat er sich entschlossen zu gehen. Nach Deutschland. »Es war eine sehr schwierige Entscheidung. Man lässt alles zurück.  Familie, Freunde, vertrautes Essen, eben seine Heimat« erzählt der Handwerker in sehr gutem Deutsch. Dazu kam die Sorge um die Zukunft. »Du weißt nicht, was passiert in dem neuen Land, wie die Menschen dich dort aufnehmen.« 
Der letzte Tag in der Heimat war ein Tag der Emotionen. Usmans Stimme stockt, als er erzählt, er hält inne, sein Blick geht in die Ferne, seine Augen sind feucht. Wer verlässt schon gern Mutter, Vater, Geschwister, Freunde? Er hatte aber ein Ziel. Deutschland, Stuttgart, dort wohnt sein Bruder. Ein Anker in schweren Zeiten.                  
             
 Über die Aufnahme in Karlsruhe landete der Pakistani schnell in Unterhausen. Seit 2013 lebt  er in der Gemeinde Lichtenstein. Und hat sich nicht mit einem hoffnungslosen, trostlosen Leben abgefunden, hat nicht passiv auf Hilfe gewartet – sondern gehandelt. »Es war klar, ich musste die Sprache lernen. Das ist der Schlüssel zu einem besseren Leben in einem fremden Land«, sagt er in sehr gutem Deutsch.  Also setzte er sich auf den Hosenboden und lernte die Sprache. Ohne Anleitung. Viel Fernsehgucken hat geholfen und natürlich Bücher lesen. Warum kein Kurs? »Sie waren immer alle belegt.« 
Er hat Geld verdient bei einer Fast-Food- Kette und als Reinigungskraft. Er ließ sich nicht unterkriegen. Auch nicht, als sein Pass verschwunden war, als es um die Anerkennung als Flüchtling ging. »Das war ein Hickhack, das zog sich über viele Monate«, erinnert sich  Gernot Ebinger. Hier war Hilfe geboten. 
Im Falle von Usman war es vor allem die Familie  Frei aus Unterhausen, die ihm bei Behördengängen half und auch sonst immer Ansprechpartner bei Problemen war. »Es ist sehr wichtig, dass es Menschen hier im Land gibt, die die Flüchtlinge unterstützen und ihnen so auch Vertrauen schenken«, sagt Ebinger. Familie Frei war es auch, die ihm die Lehrstelle in seinem Betrieb vermittelten. Für Gernot Ebinger war es keine Frage, ihn nicht einzustellen. Usman konnte die Sprache gut sprechen und hatte Vorkenntnisse. 
In Pakistan hatte er Elektronik studiert und in der Informationstechnik gearbeitet. Deshalb übersprang er auch das erste Lehrjahr, das bei den Elektrikern aus einem Jahr Schule besteht.  Im Frühjahr dann schloss Usman seine Lehre als Jahrgangsbester ab, wie die Handwerkskammer meldet. Sein Notendurchschnitt: 1,9. Seither arbeitet er als Geselle bei Ebinger und Munz, seine Kollegen schätzen ihn als freundlichen Menschen, hilfsbereit und umgänglich. 
»Es läuft« ist im Betrieb zum stehenden Begriff geworden, weil Usman das immer sagt. Auf hochdeutsch. Noch. Am Schwäbischen arbeitet er. Seine Anerkennung als Flüchtling läuft noch bis Januar 2021. 
Im kommenden Jahr will der Fachmann für Energie- und Gebäudetechnik den Techniker oder Meister machen. Es spricht im Grunde nichts gegen eine unbefristete Anerkennung. Für Gernot Ebinger sowieso nicht, der erstmals einen Flüchtling in seinen Betrieb aufgenommen hat. »Es war die richtige Entscheidung.« Dies untermauert er, in dem er erneut einen Pakistani als Auszubildenden eingestellt hat. Dieser  besucht momentan die Schule. Eine Erkenntnis bleibt bei dem Geschäftsführer hängen. »Viele Menschen wollen helfen. Und das gibt dann eine ungeheure Energie und Kraft.« Und noch etwas freut Ebinger: Er hat endlich einen  Lehrling  gefunden. Der Beruf des Elektrikers nämlich steht auf der Roten Liste. Ein Job, der nicht sehr beliebt ist bei den Jugendlichen. 
Kraft gibt Usman auch seine Heimat. Mit der ist er in ständigem Kontakt. Er schickt Geld an seine Familie, telefoniert zwei bis dreimal in der Woche. Und hat seine Heimatstadt auch wieder besucht. Seine Eltern wieder gesehen. Nach sechs Jahren. So richtig davon erzählen kann er nicht. Er  stockt, hält inne, blickt lange in den Raum. Stille. In diesen Momenten bestärkt sich einmal mehr: Es sind Menschen, die da kommen. 

 

Info-Box

Ein Gesicht geben

Das wollen nicht alle so lesen:  Die Bundesanstalt für Arbeit zieht eine positive Bilanz bei der Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt. Demnach waren im August 2019 345 000 Personen aus den Hauptherkunftsländern der Geflüchteten sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 
73 000. Das sind erfreuliche Zahlen. Wir nehmen sie zum Anlass und stellen in loser Folge Menschen vor, die  sich als Kolleg*in und Mitarbeiter*in bewährt und integriert hat. Um ihren Geschichten  Gesichter zu geben. 

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