Ist das Chaos bei der Kandidatenfindung für den Oberbürgermeister-Posten in Reutlingen nun ein schlechtes Vorzeichen für die Wahl am 3. Februar kommenden Jahres? Der Einzige, der sich des Stempels des Chaotischen bislang entzog, war der Kandidat der CDU, Dr. Christian Schneider. Der 54-jährige Jurist hatte frühzeitig seine Wahlunterlagen eingeworfen und präsentierte sich bei seinen bisherigen Auftritten (wie etwa im Reutlinger Stadtteil Altenburg) laut GEA mit »New-Balance-Laufschuhen«. Tätig ist er momentan als Geschäftsstellenleiter der CDU-Landtagsfraktion in Stuttgart. Und er ist aktiver Feuerwehrmann. 

Weitere Kandidaten? Die anderen Fraktionen im Gemeinderat taten sich lange allesamt schwer, eine geeignete Kandidatin oder einen Kandidaten zu finden. Allen voran die SPD, die eigentlich schon einen hatte, Philipp Riethmüller (persönlicher Referent von Baubürgermeisterin Ulrike Hotz). Eine »SPD-Wahlfindungskommission« hatte den 36-Jährigen zu ihrem Kandidaten gekürt und damit Thomas Keck als Reutlinger Urgestein der Sozialdemokraten gleichzeitig für zu alt befunden (55 Jahre). Das wollte der Betzinger Bezirksbürgermeister aber nicht hinnehmen, er beschwerte sich öffentlichkeitswirksam. Woraufhin Riethmüller seine Bewerbung wieder zurückzog, nachträglich wurde Keck mit großer Mehrheit denn doch von seiner Partei zum Kandidaten gekürt. Dilettantisch nannte das »Bürgermeistermacher« Bernd Hinderer in einem GEA-Interview, Reutlinger Bürger kommentierten den Eiertanz kopfschüttelnd.

Doch die Grünen gaben sich alle Mühe das noch zu überbieten: Unglaublich aber wahr, Tübingens OB Boris Palmer war tatsächlich anfangs im Gespräch. Aber auch Bundespolitiker Cem Özdemir. Dann tauchte völlig überraschend CDU-Gemeinderatsmitglied Karsten Amann als möglicher Grünen-Kandidat auf. Rainer Buck und Thomas Poreski hatten in geheimen Gesprächen, versucht, den 45jährigen Anwalt zu einer Kandidatur unter der Grünen-Fahne zu überzeugen. Ganz erfolglos blieb das nicht: Amann wechselte die Fraktion im Gemeinderat, entschied sich aber gegen eine OB-Kandidatur. Er wolle künftig auch noch Zeit für seine Familie haben, sagte er. Nun denn: Was blieb waren zwei Grünen-Bewerbungen von Lokalpolitikern wie Cindy Holmberg (43 Jahre, Wirtschaftskorrespondentin) und Holger Bergmann (57 Jahre, Projekt-Controller/Entwicklungshelfer). Allerdings konnte sich die Partei zunächst nicht einigen, nach einem Patt setzte sich Holmberg erst beim zweiten Kandidaten-Wahlgang durch. Bergmann hatte vorsorglich trotzdem schon mal seine Bewerbungsunterlagen im Rathaus eingeworfen. 

Die einzige weibliche Bewerbung hat bislang also Cindy Holmberg abgegeben. In der Zwischenzeit hatte sich der Eninger Philosoph Ulli Bauer mal kurzfristig für den OB-Posten in Reutlingen beworben. Er habe geglaubt, dass er von »Die Partei« unterstützt würde. Wurde er aber nicht – woraufhin er seine Bewerbung wieder zurückzog. Noch im Rennen ist der gebürtige Reutlinger Andreas F. Wallenwein (Fernmelde-Meister), der mit seinen 59 Jahren die Senioren-Riege der Kandidaten vervollständigt. Als oberstes »Ziel für Reutlingen« gibt er an: »Tempo 20 in der kompletten Reutlinger Innenstadt nach Fertigstellung der kompletten Ortsumgehung für den Durchgangsverkehr.« Soso.
Aber Halt - war da nicht noch ein weiterer Kandidat? Der aber zunächst gar keiner sein wollte? Vermeintlich ohne sein Wissen sei Dr. Carl-Gustav Kalbfell ziemlich schnell auf den Kandidatenthron der FDP gehoben worden. Zunächst winkte er ab, der 41-Jährige wolle seinen Sozialbürgermeisterposten in Sindelfingen nicht aufgeben. Im April hatte er sich allerdings schon in Pforzheim beworben, vergangene Woche gab er nun auch in Reutlingen seine Kandidatur bekannt. Obwohl er selbst sagt, dass er nicht als Favorit ins Rennen gehe - wer weiß. Er hätte einen enormen Vorteil: Er ist jung. Genauso wie Cindy Holmberg, im Vergleich zu all den anderen Kandidaten.

Und vielleicht findet sich ja doch noch ein/e weitere/r Kandidat/in. Und vielleicht entwickelt sich ja auch noch so was Ähnliches wie ein Wahlkampf. Die Stadt hätte es verdient. Das bisherige Chaos ist der kleinen, großen, erfolgreichen und auch liebenswerten Stadt an der Achalm nicht würdig.