»Im Namen der Stadt und auch ganz persönlich« wünschte Reutlingens Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz am vergangenen Freitagabend dem neuen Oberbürgermeister Thomas Keck »die für das Amt notwendige Ruhe und Gelassenheit«. Ja. Ruhe und Gelassenheit wird er wahrlich brauchen. Denn es warten jede Menge Aufgaben und Herausforderungen auf ihn. Wie etwa die Frage, ob es Möglichkeiten gibt, die Luft in Reutlingen nachhaltig zu verbessern und den Verkehrskollaps in der Stadt zu vermeiden. Und das alles ohne Fahrverbote? Wir werden sehen. Keck selbst hatte bei seiner Antrittsrede die »Wohnraumkrise« angesprochen, es gebe viel zu wenige günstige Wohnungen in der Stadt. Gerade dieses Thema muss ihm als ehemaliger Geschäftsführer des Reutlinger Mieterbundes besonders am Herzen liegen. 

Allerdings werden den neuen OB auch andere Themen fordern: Kinderbetreuung, Wirtschaftsförderung, Digitalisierung, Sportstättenausbau, Ehrenamtsförderung, Umweltschutz, Hochschule, Innenstadtbelebung, Kulturförderung und noch ganz viel mehr. Alle nur erdenklichen Seiten werden künftig am Ärmel des OBs ziehen und Unterstützung einfordern. Das gilt natürlich auch für die anstehende Marktplatzgestaltung und den Fußgänger-Steg vor der Stadthalle. Schön wäre, wenn da endlich ein Knopf dran gemacht würde – es gibt wahrlich wichtigere Probleme und Aufgaben in der Stadt. Gabriele Gaiser hatte am Freitagabend als stellvertre-tende CDU-Fraktionsvorsitzende in ihrer Rede zu Kecks Amtseinsetzung betont: »Wir möchten Ihnen die Hand reichen für eine gute und erfolgreiche Zusammenarbeit zum Wohl unserer Bürger.« Denn das eine schlussendlich doch alle Vertreterinnen und Vertreter im Gemeinderat - alle würden doch gemeinsam »das Bestmögliche für unsere Bürger erreichen« wollen. Das sollte so sein, ja, durchaus. Manchmal hätte man in der Vergangenen bei Gemeinderatssitzungen einen anderen Eindruck kriegen können. Es besteht also die Hoffnung, dass sich künftig alle Fraktionen dieses Bewusstsein immer mal wieder ins Gedächtnis rufen, was denn wohl »das Bestmögliche für unsere Bürger« sein könnte. 

Das heißt natürlich nicht, dass immer alle Ratsmitglieder einer Meinung sein müssten. Schließlich sind der Ausgleich unterschiedlicher Ansichten und die Findung von Kompromissen ein wesentliches Merkmal der Demokratie. Zu hoffen bleibt ebenfalls, was Gaiser anschließend formulierte: »Wir müssen alles dafür tun, dass die demokratischen Kräfte bei der anstehenden Kommunalwahl gestärkt hervorgehen.« Wen sie dabei im Blick hatte, dürfte unschwer zu erraten sein – und dennoch wird die AfD wohl künftig im Reutlinger Gemeinderat vertreten sein. Zu befürchten wäre dann, dass die AfD versucht, die Arbeit des Gremiums in eine fremdenfeindliche Richtung zu drängen. Deshalb kann man der stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden nur beipflichten, wenn sie auffordert, »den Populisten in dieser Stadt keine Plattform zu bieten«. Dem stimmte auch Keck zu und so verließ er am Freitagabend in der Reutlinger Stadthalle Hand in Hand zusammen mit Gabriele Gaiser symbolisch geeint die Bühne. So wichtig die OB-Wahl für die Reutlinger Verwaltungsspitze in der Nachfolge von Barbara Bosch für die kommenden acht Jahre war – noch viel wichtiger ist die Richtungsentscheidung bei der Kommunalwahl am 26. Mai.

Werden dort tatsächlich die bisherigen Fraktionen gestärkt? Oder gelingt der AfD, wie von Gaiser befürchtet, der Einzug in das Gremium? Es braucht das Bewusstsein in der Reutlinger Bevölkerung, dass die populistischen Kräfte in der Gesellschaft mit ihren oft menschenfeindlichen Meinungen außen vor bleiben müssen. Dazu braucht es allerdings auch das Bewusstsein, dass es wichtiger denn je ist, wählen zu gehen. Und das gilt nicht nur für die Kommunalwahl am 26. Mai, sondern auch für die am gleichen Tag stattfindende Europawahl. Denn Europa wird von vielen Seiten von Populisten wie in Ungarn, Polen oder Italien bedroht. Um solche Tendenzen zurückzudrängen, braucht es die entschiedene Stärkung der demokratischen Kräfte in der EU. Und auch im Reutlinger Gemeinderat. Also. Auf geht’s. Wählen gehen.