Wer sich als Erster aus der Deckung wagt – hat am Ende oft das Nachsehen. So ähnlich lauten Sprüche und Weisheiten, wenn es um Personalien geht. Und so köchelt die Gerüchteküche in Sachen Oberbürgermeisterwahl in Reutlingen noch auf kleiner Flamme. Die Gemeinderats-Fraktionen sind längst auf der Suche nach geeignetem Personal, halten sich aber zumeist noch bedeckt. Wobei nicht vergessen werden darf, dass Bewerber natürlich auch von sich aus initiativ werden können. Bekanntlich tritt Amtsinhaberin Barbara Bosch nicht mehr an, ihre Amtszeit endet am 2. April 2019. Im Februar 2019 bereits werden rund 90 000 Reutlinger zu den Wahlurnen gerufen. Sie sollen einen der attraktivsten Posten in Baden-Württemberg vergeben. Doch wer könnte das sein, wer traut sich?

Schon vor vier Wochen präsentierte die FDP Dr. Carl-Gustav Kalbfell als Wunschkandidaten. Der 41Jährige war schon mal Reutlinger Gemeinde- und Kreisrat. Derzeit ist der Mann Kultur- und Sozialbürgermeister in Leinfelden-Echterdingen. Er hatte sich im Juni für den Posten des Sozialdezernenten im Pforzheimer Rathaus beworben - fiel aber durch. Und sollte es stimmen, dass der ehemalige Tübinger Regierungspräsident Dr. Jörg Schmidt in den Ring steigt, dürfte die Reutlinger SPD einen Mann mit Führungsqualitäten, ausgestattet mit viel Sachkenntnis und gleichermaßen großer Bodenhaftung bekommen. Der 57Jährige war bereits Ministerialdirektor im Kultusministerium des Landes. Nicht ganz ein Jahr war der Jurist Regierungspräsident in Tübingen, bevor er nach den Landtagswahlen 2016 Jörg Tappeser (CDU) weichen musste. Im seitdem Grün-Schwarz regierten Ländle wollte die CDU natürlich ihre Posten haben; die Grünen spielten mit und ließen diese Personalie zu. Und wann werden die nächsten Reutlinger Personalien präsentiert? Hat die Freie Wählervereinigung schon jemanden ausgemacht? Oder holt sie sie sich ja womöglich Rat von den »Bürgermeistermachern« in den eigenen Reihen? Der »Freie Wähler Landesverband« jedenfalls gibt nicht nur Kandidaten Tipps, sondern fahndet in zahlreichen Gemeinden und Städten nach geeigneten Leuten für die jeweilige Kommune. Zur Erinnerung: Dem Verband stand 30 Jahre lang der einstige Münsinger Bürgermeister Heinz Kälberer (1971 bis 1981) vor. 2006 wurde der heute 75Jährige OB in Vaihingen/Enz. Er hat in all der Zeit Netzwerke aufgebaut - und mit den Freien Wählern eine Anlaufstelle für Leute, die einen Schultes suchen. Da haben wir uns einmal umgeschaut.

Zunächst einmal das, was wir auch ohne Politikberater wissen: »Hausberufungen« bei Bürgermeisterwahlen, erst recht in der Klasse »OB«, sind höchst riskant - und gehen auch meist in die Hose. Frischen Wind in ein Rathaus bringen Auswärtige, so sieht das auch die Bürgerschaft - und so war und ist es ja auch bei Barbara Bosch, die aus Fellbach kam. Ansonsten gilt für Kandidaten: Ein eigener Internetauftritt muss her, samt einem »flotten Werbevideo« und einem gängigen Slogan, so die Experten der Freien Wähler - und jede Menge Erspartes. Es soll Bürgermeister-Kandidaten geben, die für ihre Kampagne schon ihr Aktiendepot aufgelöst haben. Mit ein bis zwei Euro pro Einwohner der Wunschkommune sollten die Kandidaten schon rechnen, heißt es bei den Freien. Eine Wahlkampfkosten-Rückerstattung durch den Staat gibt es aber nicht. Und natürlich geht für die Kampagne der gesamte Jahresurlaub drauf. Eingeplant werden sollten neben der Plakatierung auch Hausbesuche beim Wahlvolk; maulfaul geht also gar nicht. Na, wer hat jetzt noch Lust? Ein(e) Oberbürgermeister/in hat nicht selten einen Zwölfstundentag, zwei Drittel davon sind Verwaltungsarbeit. Ansonsten werden sie es mit einem lebendigen Gemeinderat zu tun haben. All das müssen die Fraktionen ihren Favoriten verraten, wenn sie die erst einmal an der Angel haben. Und was Reutlingen angeht, sollten sie ihre Kandidaten freilich am besten gleich zu Beginn der Kontaktaufnahme fragen, wie sie es denn mit der Auskreisung halten.