Stimmenkönig bei der Wahl zum Reutlinger Gemeinderat am 26. Mai 2019 war Dr. Karsten Amann. Amann? War das nicht der, der bei der CDU war, vor wenigen Wochen zu den Grünen gewechselt war und sogar kurzzeitig als grüner OB-Kandidat gehandelt wurde? Vor fünf Jahren hatte Amann noch mehr als 15 500 Stimmen für die CDU geholt. Erstaunlich, dass er nun mit fast 28 000 Stimmen die meisten aller Kandidaten bekommen hatte? Wohl kaum. Karsten Amann war auch schon bei der CDU extrem beliebt und zwar über die Grenzen der Partei hinaus. Sein Wechsel zu den Grünen hat ihm nicht geschadet, seine Wähler betrachten ihn offensichtlich nach wie vor als glaubwürdig. Amanns eigene Worte nach der jetzigen Wahl: »Ich nehme das Ergebnis mit Demut entgegen und bin riesig dankbar.«

Von Demut war bei den Wahlverlierern der CDU (von 11 auf 9 Sitze) und SPD (von 8 auf 6) wenig zu spüren. Eher von Frustration und Betroffenheit war die Rede, wie auch Gabriele Gaiser betonte: Das Reutlinger Ergebnis der Christdemokraten spiegle - leider - das Bundesergebnis wieder. Die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit hätten laut Gaiser die kommunalen Themen überlagert. Und die SPD? Das Wort »Betroffenheit« reicht bei den schwer gebeutelten Sozialdemokraten wohl kaum mehr aus. »Die SPD ist in schwerstem Fahrwasser«, sagte Sebastian Weigle kurz nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse. Seinen Blick richtete er nach Berlin, wo seiner Meinung nach »bessere Minister« in der Regierung seien, die für die »bessere Politik« verantwortlich wären. »Aber es kommt nicht an«, so Weigle. Ob’s daran allein liegt?

Weigles Vorschlag: »Wir müssen in Berlin die Reißleine ziehen.« Als hätte Partei- und Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles das gehört, ist sie am vergangenen Sonntag tatsächlich zurückgetreten. Die Frage bleibt, ob sich dadurch was ändern wird? Laut einer bundesweiten Umfrage vor der Europawahl, glauben nur 7 Prozent der Deutschen, dass die SPD die besten Antworten auf die Fragen der Zukunft hat. Für viele sind die Sozialdemokraten keine Alternative mehr. Apropos Alternative: Die AfD hat in Reutlingen drei Sitze im Gemeinderat errungen, im Kreistag gar vier. Wie und ob sich die Kommunalpolitik dadurch verändern wird, gilt abzuwarten. Ob es im Reutlinger Gemeinderat künftig »bunter und sicherlich nicht einfacher« wird, wie Reutlingens OB Thomas Keck mutmaßte? Vielleicht sollte man es da mit Regine Vohrer (FDP) halten, die vor der Wahl gesagt hatte: »Wir machen in Reutlingen eine sehr ideologiefreie, ordentliche und pragmatische Politik.« Wenn dem tatsächlich so sein sollte, müsste das eigentlich auch für die anderen Fraktionen gelten.

Auch sie sollten sich an den Sachthemen orientiert, nach bestmöglichen Lösungen für die Bürgerinnen und Bürger suchen. Und sich nicht mit ideologischem Klein-Klein gegenseitig bekämpfen. Erstaunlich war im Übrigen nach der Kommunalwahl vor knapp zwei Wochen: Die Beteiligung von 50,3 Prozent wurde entweder als gut bezeichnet, von manchen sogar gefeiert - angesichts von 57,8 Prozent Wahlbeteiligung am gleichen Tag bei der Europawahl muss ich mich aber fragen, warum 7,5 Prozent der Wähler ihre Kommunalwahl-Unterlagen nicht ausgefüllt haben. Ist Kumulieren und Panaschieren doch zu schwierig? Viele ältere Menschen haben auf jeden Fall geklagt, dass ihnen die vielen Wahlzettel zu kompliziert seien. Und dann sollen sie auch noch 40 Stimmen verteilen. Vielleicht würde man die Wahlbeteiligung durch eine einfachere Wahlprozedur erhöhen. Denn: 50,3 Prozent Wahlbeteiligung in Reutlingen heißt immerhin auch, dass fast die Hälfte aller Wahlberechtigten nicht zur Wahl gegangen ist. 

Schön war in diesem Zusammenhang dennoch, dass ein durchweg von Migranten gestelltes »Bündnis Vielfalt« angetreten war.  Schade nur, dass sie zu wenige Stimmen errungen hatten, um tatsächlich einen Vertreter im Gemeinderat stellen zu können. Schön auch, dass Sarah Zickler (FDP) richtig toll begeistert über ihr Wahlergebnis war: »Ich bin so richtig glücklich«, hatte sie kurz nach der Bekanntgabe ihres persönlichen Ergebnisses gesagt. Dass sie sich »ein Loch in den Bauch gefreut« habe, wollen wir allerdings nicht hoffen. Für Zickler jedoch gehe der Erfolg der Grünen »voll in Ordnung - es gibt viele Gemeinsamkeiten, wo wir gut zusammenarbeiten können«. Na dann. Auf geht’s. Auf ein Neues - für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger.