Die gute Nachricht zuerst: Mit 9 488 Umfrage-Teilnehmern, davon 2 206 von außerhalb der Stadt, haben die Reutlinger die Experten echt überrascht. Und bald jede/r Zehnte von ihnen war am 19. Juli in die Stadthalle gekommen, um zu erfahren, wie man »die Marke Reutlingen« am besten vermarkten könne. Diese Beteiligung sei bundesweit »absolut Champions League«, sagte der von der Stadt beauftragte Experte Peter Pirck von der Firma Markenberatung Brandmeyer aus Hamburg. 

Indes: Das Lob hörten alle Beteiligten zwar gerne, doch das Ergebnis ist durchwachsen. Was ist denn eine »Marke«? Von Fremden hören die Lübecker »Marzipan, Holstentor und Ostseehafen«. Über Reutlingen hören wir »Mutscheln, die Nähe zur Alb, rote Ampeln und Elektronik vom Weltkonzern Bosch«. »Raus mit der Sprache, wir wollen es wissen«, so lautete die Einladung von Pirck und seinem Wissenschaftler-Team. Der Appell an die Befragten, allesamt »Insider«, also Einheimische, kam gut an. Und den knapp 9 500 Frauen und Männern ist Reutlingen so wichtig, dass sie tatsächlich alle 80 Themen beackerten, dann Punkte von eins bis zehn vergaben. Dabei gab es aber auch einen wuchtigen  Tiefschlag: Ausgerechnet im viel bespöttelten Bielefeld sei die Verbundenheit mit der Kommune deutlich mehr ausgeprägt als bei den Reutlingern. Mit dem Lokalpatriotismus ist es laut der Studie nicht weit her, besonders bei jungen Menschen. In vielen Einzelbereichen gab es durchaus positive Bewertungen. Ein Mix aus allgemeiner Zustimmung und der »Treiberwirkung Attraktivität« könnte nun nahelegen, alles Positive ins »Schaufenster Reutlingen« zu stellen, so wie in einem großen Warenhaus.Sich in der Eigenwerbung jedoch auf die wichtigsten, aussagekräftigsten Prädikate zu beschränken, das sei die hohe Kunst, weiß Pirck. Der macht solche Studien seit 20 Jahren – und er appelliert daran, allgemeine und gleichermaßen oft abstrakte Aussagen – wenn auch positive – wie »lebenswerte, attraktive Stadt«, nicht überzubewerten.

Nur besonders Zugkräftiges gehöre ins Schaufenster. So könne Reutlingen sehr gut punkten mit »Einkaufsstadt«, in der die Menschen vor allem auf »entspannte« Weise shoppen gehen könnten. Einen dicken Pluspunkt bekam der Wochenmarkt. Und ganz oben steht die »attraktive Lage«, wen wundert’s. Die Schwäbische Alb vor der Haustüre – ebenso wie das malerische Tübingen. Und zum Flughafen Stuttgart sind es nur 20 Autominuten. Hinzu kommt »der starke Wirtschafts-Standort«. Viel mehr zu denken geben allerdings die schlechten Noten in Sachen Wohnungsmarkt und Mietpreise, wenig überzeugende Verkehrskonzepte (ÖPNV), das dürftige kulturelle Leben. Und es gebe zu wenige Freizeit- und Veranstaltungsangebote. Da dürften einige der Verantwortlichen von Stadt und Stadtmarketing heftig geschluckt haben; vor allem als sie bei der Präsentation in der Stadthalle ironischen Applaus und Gelächter aus den hinteren Reihen hörten. Das war die Reaktion auf Pircks Aussage über das eher miese »Ausgeh-Angebot für junge Leute«.

Zu wenige Veranstaltungen? Das ist ungerecht- wird das Stadtmarketing sagen. Aber dessen Aktivität sei ausbaufähig, was aber auch eine Geldfrage sei, so Pirck. Gleichwohl hilft es wenig, nach größeren Events in der Stadt regelmäßig astronomisch hohe Besucherzahlen hinauszuposaunen. Die »Marke Reutlingen«: Es ist am Image zu feilen, Stärken müssen in die Waagschale – und an der Beseitigung offensichtlicher Schwächen und Defizite ist hartnäckig – und redlich – zu arbeiten. Das bedarf eines langen Atems. Die vorliegende Studie ist eine beeindruckende Handreichung – und weit mehr als eine Momentaufnahme. Die Reaktion des überaus engagierten Vereins »Köpfe für Reutlingen« kam prompt: Reutlingen müsse »vielfältiger werden, bunter und attraktiver«. Mitmachen ist angesagt! Die Marken-Experten raten der Stadt – und auch das klingt überzeugend: »Was Ihre Bürger als Markenbotschafter bewirken können, kann keine noch so starke Werbekampagne durch die Stadt leisten«.