Häuser und ganze Wohngebiete werden saniert und die Mieten anschließend nahezu verdoppelt. Das passiert nicht nur in den hippen Großstädten, sondern auch andernorts. In Mannheim etwa. Dort können sich Menschen, die zuvor in den sanierten Häusern lebten die neuen Mieten nicht mehr leisten, sie werden aus der Stadt verdrängt. Weil günstiger Wohnraum angesichts der großen Nachfrage ja eh kaum mehr zu haben ist. Was sich wie ein Horrorszenario anhört, ist zum Beispiel im Mannheimer Stadtteil Jungbusch Realität - dort haben Aktivisten sogar ein Haus besetzt. Um ein Zeichen zu setzen. Um für bezahlbaren Wohnraum zu demonstrieren. In Reutlingen gibt es solche Szenarien (noch) nicht. 

Dennoch ist das Thema Wohnungsnot auch an der Achalm brennend und allgegenwärtig. Rund 1 700 finanziell nicht besonders betuchte Suchende, die dringend Wohnraum benötigen, stehen auf der Liste der Reutlinger GWG. Hinzu kommen zahlreiche weitere Suchende, darunter auch einige Beschäftigte der Firmen in der Stadt. Die suchen nämlich ebenfalls händeringend nach Wohnungen. Deshalb werde sich die Robert Bosch GmbH auch an dem Bauprojekt am Schieferbuckel beteiligen und die Wohnungen dann an Arbeitnehmer der Firma vermieten.

Das betonte Helmut Treutlein als SPD-Fraktionsvorsitzender im Reutlinger Gemeinderat vor kurzem bei einer Wohnbau-Rundfahrt durch die Stadt.  Insgesamt acht geplante, begonnene oder auch schon fast fertig gestellte Wohnraum-Projekte in der Stadt wurden dabei besichtigt. Wie etwa das noch nicht begonnene Bauprojekt mit rund 300 Wohneinheiten am Schieferbuckel - dort sollen 20 Prozent Sozialwohnungen entstehen. Bezahlbarer Wohnraum ist bereits in der Heilbronner Straße in Orschel-Hagen entstanden, dort sind 48 Wohnungen kurz vor der Vollendung. Im Neubaugebiet auf dem ehemaligen Gelände der Gärtnerei Bihler sollen von den 150 geplanten Wohnungen ebenfalls 20 Prozent als günstigerer Wohnraum entstehen. 

Ansonsten ist von bezahlbaren Wohnungen in Reutlingen kaum was zu sehen. Reichen die neuen Projekte aus? Bei weitem nicht, sagt Thomas Keck. »Es gibt einen wahnsinnigen Bedarf im bezahlbaren Bereich«, betont der Geschäftsführer des Mieterschutzbunds Reutlingen-Tübingen. Vor allem finanziell schlechter gestellte Familien mit mehreren Kindern würden schon länger keine Wohnungen in Reutlingen finden. 


Für die finanzkräftigere Klientel wird hingegen vielseitig investiert – was eigentlich nicht verwundern darf. Denn da lässt sich ja auch richtig gut Geld verdienen. In Betzenried etwa sind im »Timber-Quartier« 56 neue Wohneinheiten bereits bezogen, darunter 29 Doppel- und Reihenhäuser in Holzbauweise. Menschen mit weniger Geld auf dem Konto können sich solchen Wohnraum ebenso wenig leisten wie die fast fertiggestellten 21 Wohnungen in der Heinestraße. »Die GWG ist ja für breite Schichten der Bevölkerung zuständig - hier entsteht Wohnraum im hochpreisigen Segment«, sagte Klaus Kessler als technischer Geschäftsführer der GWG, der ebenfalls bei der SPD-Rundfahrt dabei war. 


Doch die Bemühungen der GWG und der Stadt reichen nicht aus, da ist sich auch die Liga der Freien Wohlfahrtsverbände einig. Schließlich würden nicht nur Familien günstigen Wohnraum suchen, vor allem die sich immer mehr ausbreitende Altersarmut führt laut Jürgen Neumeister dazu, dass Ältere immer mehr in die Verschuldung abrutschen. Warum? »Weil sich Rentner die hohen Mieten schlichtweg oftmals nicht mehr leisten können«, so der Reutlinger VdK-Vorsitzende. Der Rauswurf und die Verdrängung aufs Land drohen, denn günstiger Wohnraum ist auch in der Achalm-Stadt Mangelware. 
Vielleicht könnte die GWS als VdK-Tochter mit Stammsitz in Sigmaringen Abhilfe schaffen? »In Reutlingen ist die GWG, es gelingt der GWS nicht, hier Fuß zu fassen«, sagt Neumeister. Aber es gebe Gespräche. Die hoffentlich Früchte tragen, denn: »Jedermann hat das Recht auf Wohnung.« Das steht in der Europäischen Sozialcharta als Artikel 31.