Tatort Reutlingen, Samstag, 15. 45 Uhr - mit Sicherheit keine Stoßzeit. Der Verkehr staut sich auf den 1,9 Kilometern zwischen der Ortseinfahrt am Hohbuchknoten – bis hin zur AOK. Vor der Panikreaktion der Behörden – »bitte keine Fahrverbote für Diesel-Autos« – bewältigten wir diese Strecke in zwei Minuten – nun brauchen wir mindestens eine Viertelstunde. 


»Vielen Dank für Ihre Geduld, Sie verbrennen in diesem im Stau ab sofort tausende Liter Kraftstoff mehr! Beste Grüße und in herzlicher Dankbarkeit – Ihre Mineralölwirtschaft!« Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Tatsächlich lesen wir auf der Info-Tafel der Reutlinger Stadtverwaltung – gleich hinter der Jet-Tankstelle: »Vielen Dank für Ihre Geduld. Sie helfen, Fahrverbote zu vermeiden.« Zynischer geht es ja wohl nicht mehr.


Man muss kein Sterne-Koch sein, um festzustellen, dass ein Schnitzel verbrannt ist: Die durch neu getaktete »Pförtnerampeln« eingebremsten Fahrzeuge verbrennen auf dieser Strecke nun sehr viel mehr Sprit. Der Ausweichverkehr – jeder sucht sich seinen Weg – geht den Anwohnern der Gustav-Schwab-Straße und denen in der Alteburgstraße gewaltig auf den Geist. 


Einer Konfliktlösung allerdings steht entgegen: Deutsche Beamte haben immer recht! Zweitens: Selbst für die aberwitzigsten, von ihnen begangenen Schildbürgerstreiche können sie nicht belangt werden. Und Drittens: Es gilt der Corps-Geist. »Mia san mia« sagen die Bayern. Für den Fall also, dass die von uns alimentierten Staatsbedienstete groben Unfug treiben – wie in Reutlingen der Fall – zahlt die Zeche am Ende immer der Steuerzahler. Allerdings wollen gegen den Verkehrskollaps, in einer Stadt mit 300 000 Menschen im Einzugsgebiet, Betroffene nun gerichtlich vorgehen. Das wird spannend.


Aufgeschreckt durch mögliche Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge haben sich selbsternannte Kapazitäten im Tübinger Regierungspräsidium (RP) in ihrer Hilflosigkeit – und übereilt – Maßnahmen für die Luftreinhaltung einfallen lassen. Die Erwartungshaltung war: Lastwagen raus aus der Reutlinger Innenstadt! Zwei »Pförtnerampeln« sollen zudem alle anderen Autofahrer »vergrämen«. Dieser Begriff wird übrigens vor allem verwendet, um Vogelschwärme von Flughäfen fernzuhalten. 


Sind Autofahrer »dumme Gänse«, die einfach so, zum Spaß eben, Reutlingen heimsuchen? Die Stadt und das Regierungspräsidium Tübingen wollen uns verklickern, dass die motorisierten Verkehrsteilnehmer einfach keine Ahnung haben, welch eine »segensreiche« Lösung da auf den Weg gebracht wurde.  Alles Kokolores – und hanebüchener Unsinn überdies: Entscheidend ist für die Menschen in Reutlingen und Umgebung, ob die in den Beamtenstuben des RP ausbaldowerten Maßnahmen etwas taugen, oder ob sie nutzlos – und einfach nur kontraproduktiv sind. Die realitätsferne Vorstellung des RP: Wer von Tübingen kommend zur Reutlinger Markthalle oder zum Rathaus will, soll nördlich rund um die Stadt herum fahren. Sodann mögen Automobilisten, bitteschön, den Scheibengipfel-Tunnel nutzen, um vom Südbahnhof aus, in die Gegenrichtung – in die City fahren. Das sind statt zweieinhalb Kilometern dann eben deren neun.


Die Schadstoffwerte am Echazufer sind zurückgegangen. Ja, das Durchfahrtsverbot für Lastwagen macht Sinn. Aber der mutwillig herbeigeführte Dauerstau zwischen Hohbuchknoten und der AOK-Kreuzung ist ein Skandal - bei rund einer Viertelstunde Stop-and-go. Dem Regierungspräsidium Tübingen, Urheber dieses verbeamteten Schildbürgersteichs, sei empfohlen, die automobil bedingten Schadstoffe auf den Ausweichstrecken zu messen – in der Gustav-Schwab-Straße und in der Altburgstraße.


Der Reutlinger Gemeinderat konnte diesem verkehrspolitischen Irrsinn übrigens nicht widersprechen. In Sachen Luftreinhalteplan durften die Frauen und Männer im Gremium lediglich »zur Kenntnis nehmen«, was das allmächtige Regierungspräsidium beschlossen hat. Mutmaßlich wurde dort einem ambitionierten Praktikanten ja aufgetragen: »Wurstegal - geht ja bloß um Reutlingen«.