Innenstädte brauchen auch eine ansprechende Bodenmöblierung. Das Auge kauft mit, ebenso die Füße, die in manchen Städten über Holperpisten von Geschäft zu Geschäft stolpern. Reutlingen hat da in der Wilhelmstraße schon gehandelt – schön ist der Belag geworden. Und die Neugestaltung des Weibermarkts wird ebenso gelobt.
Nur auf dem nur 80 Meter langen Abschnitt auf der Kanzleistraße – zwischen Rathauseck und Oberamteistraße – haklte es gewaltig, vor allem zeitlich. Den Geschäftsleuten dort sind die Gründe für die Verzögerungen im Sommer 2017 sehr wohl mitgeteilt worden. Doch schon seit 2015 haben sie es mit Baggern und Presslufthämmern zu tun.

Versorgungsleitungen wurden neu verlegt. In einer Woche sollen die Bauarbeiten endlich abgeschlossen sein.
Verständnis hin oder her – immerhin gibt es auch einen neuen, schicken Straßenbelag: Für die Einzelhändler, die Gastronomie und die Cafébesitzer zählt vor allem diese Rechnung: In knapp drei Jahren hatten sie jeweils zwei halbe Jahre die Baustelle samt großen Löchern, Absperrungen Lärm, Dreck – und daher immer weniger Kundschaft. Sie klagen schon länger über teils heftige Umsatzeinbußen. Augenscheinlich mit einer guten Portion Galgenhumor gesegnet hängten sie Plakate in die Schaufenster mit Sprüchen wie »Wer tolle Angebote hat, kann auch mal Lärm machen«, oder: »Einkaufen und genießen – mit Offroad-Feeling«.

Nun kam man zeitweilig selbst mit Geländewagen nicht durch die Kanzleistraße, zumal sie eine Fußgängerzone ist. Aber zusammengefasst wird das Dilemma mit dem großen Spruchband, das die Dauerbaustelle überspannt: »Hier wird richtig viel Kies investiert«. Für die Geschäftsleute bedeutet dies jedoch: »Und wir haben wegen der Baustelle jede Menge Kies weniger!« Das erste Opfer, das es wirklich existenziell getroffen hat, scheint nun Guido Weiblen vom gleichnamigen Juweliergeschäft zu sein. »So, wie es jetzt aussieht, muss ich dichtmachen. Ich hoffe, mein Vermieter entlässt mich jetzt früher als vereinbart aus dem Pachtvertrag.«


Innerhalb kurzer Zeit habe sich bei ihm ein Schuldenberg im hohen fünfstelligen Betrag angehäuft. Von sechs Mitarbeitern musste ich zunächst runter auf zwei, jetzt sind es wieder drei«, sagt der 49Jährige. Der gelernte Uhrschmied und Diamantgutachter gehört zu einer traditionsreichen Reutlinger Familie. Im Jahr 1934 eröffneten die Großeltern ihr Geschäft in der Oberen Wilhelmstraße. 1951 ging es in die Wilhelmstraße 15, wo das Juweliergeschäft 52 Jahre lang blieb. Seit dem Jahr 2002 ist Guido Weiblen in der Kanzleistraße ansässig. Und er war voller Erwartungen. In der »zweiten Reihe« zur Wilhelmstraße herrscht für gewöhnlich auch eine gute Fußgängerfrequenz. Und die Ladenmiete samt der für die Wohnung - sei durchaus akzeptabel gewesen.

Der bis zu dreimal pro Woche frühmorgendliche Marktanlieferer-Verkehr nervt natürlich, ebenso wie die anrückenden Reinigungs- und Müllfahrzeuge. Guido Weiblen hat sich damit nolens volens arrangiert, er wusste schließlich, was einen in dieser City-Lage erwartet. Zum Beispiel auch, dass man ihm im Sommer das Auto dort abgeschleppt habe. »Doch seit 2015 hatten wir Baustellenlärm ohne Ende. Die Kunden kamen nicht mehr. Ich habe von 2015 bis heute genau 49 Prozent weniger Umsatz gemacht als zuvor«, klagt Weiblen. Die Leute von der Stadt hätten ihm vor Beginn der heißen Phase der Bauarbeiten lediglich gesagt, »man solle halt finanzielle Rücklagen bilden«, so Weiblen, was er aber als Hohn empfindet. Bei allem Ärger lobt der Mann die Bauarbeiter: »Die haben ihre Arbeit super gemacht«. Auch wenn es oft den Anschein hatte, »dass sie wohl mangels Material viel zu lange Pausen einlegen mussten.«

Guido Weiblen setzt jetzt ganz »auf ein wenigstens gutes Weihnachtsgeschäft«. Und wenn die Baustelle weg ist, »mache ich für meine Familie und mich ein großes Fest.« Danach aber müsse er sich überlegen, ob es finanziell noch drin sei, das Juweliergeschäft weiterzuführen.