Ist das nicht schön? »Die Geburtenrate steigt auf den höchsten Stand seit 33 Jahren.« Diese Meldung stammt allerdings aus dem Jahr 2016, bestätigte je-doch einen Trend, der fünf Jahre zuvor schon eingesetzt hatte. 2011 hatte sich nämlich zum ersten Mal in Deutschland der Trend gedreht und Frauen bekamen wieder mehr Kinder, anstatt jedes Jahr weniger. Auf fast 1,6 Kinder pro Frau ist die Rate 2016 gestiegen.

Ähnliches hat auch die Stadt Reutlingen zu vermelden, aber aus einem anderen Grund: »Reutlingen wächst seit 2011 kontinuierlich um jährlich 1000 Einwohner«, heißt es auf der Homepage der Achalm-Stadt. »Das Wachstum bringt einen zusätzlichen Bedarf an Kindergartenplätzen mit sich«, ist auf der Internet-Website weiter zu lesen. Der Trend war also schon länger abzulesen. Wie konnte es dazu kommen, dass nach Angaben der CDU-Fraktion im ver-gangenen Jahr 217 Kindern kein Kindergartenplatz zur Verfügung gestellt wurde? Laut Dr. Karsten Amann werden es im kommenden September zum Beginn des neuen Kindergartenjahres gar 393 fehlende Plätze sein. Für junge Familien kann das eine pure Katastrophe darstellen. Wenn nämlich beide Elternteile arbeiten müssen, weil ansonsten das Geld vorne und hinten nicht für den Unterhalt reicht, dann steht womöglich sogar die zu teure Wohnung auf dem Spiel. Anderer, günstigerer Wohnraum in Reutlingen ist aber schlichtweg nicht zu kriegen. Noch schlimmer die Situation für die vielen Alleinerziehenden – die keineswegs in den meisten Fällen freiwillig dieses Los gezogen haben. In den allermeisten Fällen sind die Frauen von ihren Kerlen ganz einfach sitzengelassen worden. Und wie oft zahlen die Typen dann nicht mal den Unterhalt - wozu sie eigentlich verpflichtet wären. Das Jugendamt könnte ein trauriges Lied davon singen. 

Natürlich gibt es auch die Mütter, die nach der Geburt eines Kindes baldmöglichst wieder arbeiten wollen. Ist den zumeist bestens ausgebildeten Frauen das zu verdenken? Wenn sie ihre berufliche Karriere nicht an den Nagel hängen wollen? Wenn ihnen Kinder und Küche nicht ausreichen? Die meisten Familien, ob mit einem oder zwei Elternteilen, sind heute also dringend auf einen Kindergartenplatz angewiesen. Auf einen Platz, den es immer häufiger in Reutlingen nicht gibt. Ist die Stadtverwaltung davon überrascht worden? Man könnte das fast vermuten, wenn doch die Entwicklung von immer mehr Bürgern und immer mehr Kindern spätestens seit 2011 bekannt war. Die CDU behauptete, dass »da einiges verschlafen wurde«. Doch gehört das nicht schon zum Trommeln, zum Wahlkampf für das nächste Jahr? Wenn in Reutlingen die Stelle der Oberbürgermeisterin erneut zur Disposition steht? Unter vorgehaltener Hand heißt es ja, dass die CDU einen eigenen Kandidaten gegen Barbara Bosch aufstellen will. 

Doch die OB-Wahl ist ja ein ganz anderes Thema. Hier geht es ja um Kindergartenplätze. »Bis 2020 werden mindestens 450 neue Plätze für Kinder ab drei Jahren geschaffen«, ist auf der Homepage der Stadt Reutlingen zu lesen. Im Gemeinderat wurde von 800 benötigten Plätzen gesprochen. Welche Zahlen stimmen denn nun? Jetzt einfach mal wieder auf die Stadtverwaltung draufzuhauen, weil das ja so schön einfach ist – was soll das bringen? Wichtig ist, was Sabine Gross von den Grünen am vergangenen Donnerstag gesagt hatte: »Bahn frei für die Neubauten.« Angesprochen hatte sie damit die beiden Kinderhäuser in Orschel-Hagen und eines in Sondelfingen, die mit jeweils fünf Gruppen Platz für je 80 Kinder bieten sollen. Bis zum kommenden September wird das Problem der fehlenden fast 400 Kindergartenplätze damit nicht gelöst – erst im zweiten Quartal 2020 beziehungsweise 2021 sollen die drei Kinderhäuser fertig sein. Bis dahin seien aber laut Homepage der Stadt noch weitere Umbaumaßnahmen in zahlreichen Kindergärten geplant. Ist das Problem damit also gelöst? Wohl kaum. Denn es fehlt ja zusätzlich noch das Personal, das auf dem Arbeitsmarkt kaum mehr zu finden ist. Es muss also noch ganz viel mehr Geld in den Bereich Kinderbetreuung gesteckt werden, als nur die Millionen für die Bauten.