Sie sagte es deutlich, betonte Silbe für Silbe und übergab den Medien ihre Überzeugung in gedruckter Form. »Die Verkehrswende greift« steht auf dem Pamphlet, das Ulrike Hotz den vereinten Medienvertretern voller Selbstbewusstsein über den Tisch reichte. »Der Jahresmittelwert 2020 unter 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in Sicht« stand darunter, ebenfalls in fetten Lettern. Die Luftreinhaltung treibt die Stadtverwaltung vor sich her, und so lud sie einmal mehr die Weltpresse aus der Region ein um die frohe Botschaft auf sechs Seiten zu verkünden. So schlecht war das nicht, was die Bürgermeisterin da vorlegte. Doch was ist heute noch übrig davon? Beifall erhielt sie dafür nicht. Wie man’s macht ist halt doch nicht recht. Fußgänger treten die Infos mit Füßen, könnte man angesichts der jüngsten Ereignisse  verkünden. Leserbriefseiten explodieren vor Wut. Da hat sie also mal was in der Hand und wird sogleich wieder an den Pranger gestellt und im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten. Der Fußgängerüberweg, der im Zuge einer der fast schon unübersichtlich vielen Luftreinhaltemaßnahmen erst wegen einer Versetzung der Lärmschutzwand an der Messstation und dann komplett für immer gesperrt bleiben soll, sorgt für überhitzte Gemüter. Einen Tag nach der Pressekonferenz demonstrierte ein breites Bündnis für den Überweg als sichere Strecke in die Altstadt. Den Steg über die Konrad-Adenauerstraße, seit Jahren der Steg des Anstoßes, zerreißen die Kommentatoren und Meinungsmacher regelmäßig in den Tageszeitungen via Leserbriefe, im Netz über Facebook und Co.  Jüngst zog es ein Häuflein FWV-Gemeinderäte an die kalte Luft in die Lederstraße, um mit  einer Fünf-Mann-Demo dicke Backen zu machen gegen den Beschluss. Wir erinnern uns dabei  verwundert an einen Ratsbeschluss vom Juli 2019, in der die Sperrung für Fußgänger auf Höhe des Matthäus-Alber-Hauses eine breite Mehrheit fand. Sie können es sich nicht mal selbst recht machen die Räte. Da könnte man als Stadtverwaltung schon ein bissle verzweifeln. Das erinnert an einen Schüler, der sich anstrengt und auch besser wird, und trotzdem immer wieder Haue kriegt, weil es Papa und Mama immer noch nicht genug ist.  
Erinnern wir uns jetzt einmal kurz an die Nachrichten, die Ulrike Hotz so stolz verkündet hat. Mit kleinen Schritten kann man auch sein Ziel erreichen, und anders ist es in unserer egoistisch geprägten Zeit nicht möglich. Jeder will seinen Willen durchsetzen und keiner auch nur einen Zentimeter hergeben. Vor allem wenn es um Autos und fahren geht, sind wir Deutschen ja höchst  empfindlich.  Es muss halt der SUV sein, um in der Stadt einzukaufen. Die Wollsockenfraktion dagegen würde solche vierrädrigen Ungeheuer am liebsten in die Luft sprengen. Um jedem Bürger möglichst nicht wehzutun, versucht die Stadtverwaltung seit geraumer Zeit, den Übergang in die neue Zeit – mit frischer Luft und glücklichen Kühen, die mitten in der Altstadt grasen und fröhliche Bürger fröhlich shoppen –  so schonend wie möglich zu gestalten. Nicht immer ganz glücklich, siehe Luftsauger. Nicht ganz freiwillig, denn die Stadt ächzt und keucht unter dem Druck von NO2 und Feinstaub, und dafür bekam man von höchster Verwaltungsgerichtsebene in Mannheim die Quittung. Also nicht Reutlingen, das Land Baden-Württemberg. Da die Achalmstadt aber fest verwurzelt im Ländle ist, müssen sie nun die Suppe auslöffeln, um drohende Fahrverbote zu vermeiden. Und sind ganz eifrig mit der Fortschreibung des Luftreinhalteplans. Flottenerneuerungen, Buskonzept, RSV-Angebot, Lkw-Fahrverbot (das ab sofort auch noch strenger kontrolliert wird), die  versetzte Lärmschutzwand, photokatalytische Anstriche, Umweltspur:  das ist doch eine ganze Menge was schon angedacht und angepackt worden ist,  und es zeigt ja auch Wirkung.  
2019 bewegte sich der diabolische Stickstoffdioxid-Wert Richtung festgelegter Grenze von 40, erreichte ihn aber um 6 Mikrogramm noch nicht. Gleichwohl: Vergleiche machen schlauer und erhellen Fakten. 2009 war der Wert an der gleichen Stelle in der Lederstraße mit 90 Mikrogramm fast doppelt so hoch. So verbreitet Bürgermeisterin Hotz aufgrund der Prognose des Ingenieurbüros  Lohmeyer, das  alle Fakten und Zahlen zusammengezählt und abgezogen, gewalkt und geknetet,  dividiert und subtrahiert und geteilt und multipliziert und gewurzelt hat, viel Optimismus. Ende des Jahres, so verkündet sie,  knacken wir die Schallmauer der  40 Mikrogramm-Grenze, schränkt aber  ein: wenn alles gut läuft. Die Faktoren Witterung und Durchlüftung bleiben  vage. Gleichwohl zeigt sich Ulrike Hotz optimistisch:  Verkehrsvermeidung sei das Gebot der Stunde, das weiter  umgesetzt werde. Neues Buskonzept, die Förderung des Radverkehrs, Umleitung des Verkehrsstromes, die Planungen zur Stadtbahn, das alles gehört dazu, um die Luft nicht nur an der Messstation (zwecks gesetzestreuer Werte), besser zu machen. 
Apropos Stadtbahn. Momentan läuft der Verkehr zeitweise nur auf einer Spur im Abschnitt zwischen Alteburgstraße und Parkhaus. Umweltspur nennt sich das, was gerade getestet wird. Momentan von 20 bis 6 Uhr sowie komplett an Wochenenden. Hier eine Fahrspur konnte sich bislang niemand vorstellen. Doch Hotz sieht das als  eine Ankündigung für kommende Zeiten: Wenn nämlich in der Lederstraße die Stadtbahn fahre, gäbe es sowieso nur noch  eine Fahrspur. Also üben wir schon mal die Zukunft.   Mehr Infos zur Stadtbahn gibt’s im April. Jetzt warten erst einmal  auf den 27. Februar. Dann  überprüft das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig das Mannheimer Urteil im Verfahren zwischen Land und Deutscher Umwelthilfe. Es geht um drohende Fahrverbote. Die Leipziger bewerten das Verfahren aber nur rechtlich.  Prüfen ob die Kollegen juristisch alles richtig gemacht haben. 
Stellt sich doch nun die Frage: Machen wir denn alle alles richtig?  Wenn man seriösen und anerkannten Wissenschaftlern glauben schenkt, dann  erwarten uns in den kommenden Jahren gigantische, gravierende (so das Vokabular bei der Weltklimakonferenz in Davos) Veränderungen, mit heftigen Einschnitten für jeden. Wenn es so kommt, dann sind die heutigen Beschränkungen Pille Palle.