Neulich in Bisacquino. Das liegt im sizilianischen Hinterland. Viele Touristen verirren sich hierher nicht. Es war auch kein Reisender, sondern eine deutsche Oliven-Erntehelferin aus Berlin, die neugierig war. »Sag mal Schwabe, was ist denn da bei Euch in Pfullingen los?« »Wo, was? Woher weißt Du? Was meinst Du?« » Na dort gibt es Ärger zwischen Gemeinderat und Bürgermeister. Auf dem Rathaus soll es ja ganz schön turbulent zugehen. Darüber bin ich im Internet gestolpert.« »Du kennst doch gar keine Einzelheiten.« Ein bisschen muss man seine schwäbische Heimat ja schließlich verteidigen. Das Gespräch, das sich noch ein bisschen vertieft hat, fand im November 2019 statt. Da wusste die neugierige Berlinerin noch gar nicht, was hier sonst noch alles passiert. Oder sagen wir so: was davon an die Öffentlichkeit dringt. Damals und davor herrschte geradezu eine friedhöfliche Ruhe gegenüber dem Rambazamba, das momentan die Köpfe und die Stimmung bestimmt. Mit irren Folgen. 
Das muss ja ein aufregender (im Wortsinn) Jahresempfang gewesen sein.
Der Bürgermeister polterte vom Rednerpult aus gegen den Gemeinderat und warf ein schiefes Bild in den Raum. Verwaltungsspitze und der Gemeinderat säßen in einem Boot, also sollten sie auch in die gleiche Richtung rudern. Welch interessantes kommunalpolitisches Verständnis. Der Rathauschef sieht sich permanenten Angriffen ausgesetzt und fühlt sich  als Opfer. Deshalb stellt sich Michael Schrenk auf eine Stufe mit Kollegen, Ehrenamtlichen, die von rechten Schergen, von lautstarken Idioten drangsaliert, bepöbelt oder gar mit dem Leben bedroht werden. Das ist grotesk und anmaßend und für diejenigen ein Schlag ins Gesicht, die tatsächlich unter solchen Bedrohungen leiden. So viel Chuzpe muss man  erst einmal besitzen. Sie wissen nicht, was Chuzpe ist? Wenn jemand seine Mutter und seinen Vater ermordet und dann Waisenrente beantragt, das nennt man Chuzpe. 
Zeitgleich kochte die Pfullinger Seele wegen der Kündigung des Bäderchefs Lennart Kerkhoff. Wegen  Dienstplänen und Urlaubsplanung, so verlautete, habe es keine Einigung gegeben. Die Pfullinger bekundeten mit 1757 Unterschriften und einer Demo ihre Sympathie für den Bademeister und sein Verbleiben. Sie ernteten ein Polizeiaufgebot. Es ging hin und her, der Bademeister nahm seine Kündigung zurück und fand aber im Bürgermeister keinen Mensch mit pragmatischem Sinn. Somit Stand heute: Er geht. Baden kann in Pfullingen trocken werden in diesem Jahr. 
Dagegen überschwemmen die Pfullinger die Leserbriefseiten mit Kommentaren. Sie sind voll mit scharfen, eindeutigen Stellungnahmen über die Situation in der Echazstadt, aus der auch ein bissle Verzweiflung schwingt. Hinter vorgehaltener Hand lassen viele ihren Frust ab.
Wer zwischen den Zeilen hört und liest, in Leserbriefen, Kommentaren oder auf der Straße, der erahnt, was für Stürme im Seelenleben der Bürger toben. Wenn ein integrer und vernünftiger Mensch wie der stellvertretende Bürgermeister Martin Fink, über Parteigrenzen als aufrechte Person bekannt, aufsteht und aufschreibt, was ihn umtreibt, dann ist die Axt am Baum. Alarmstufe eins in einer Stadt, die einst durch ihre Wohlfühlatmosphäre Menschen anzog und über die Region hinaus punktete. Der Urpfullinger Martin Fink hatte den offenen Brief, den seine Gemeinderatskollegen nach der Bürgermeisterrede aufgesetzt hatten, nicht unterschrieben und erläuterte seine Gründe schriftlich. Er bot sich als Mittler an. Beim Lesen spürt man förmlich, wie dieser umtriebige engagierte Bürger  beim Schreiben gebebt haben muss über die »sehr schwierige Situation« in seiner Heimatstadt. Wer das liest, der kann schon erahnen, wie es unter der Oberfläche rumort und rumpelt. Das Leben und die Arbeit soll Spaß machen. Davon sind sie wohl weit entfernt in Pfullingen. 
Neulich daheim: das liegt im schwäbischen Hinterland, ist aber nicht minder schön. Dahin verirren sich schon ein paar Touristen, und es gibt Telefon. Also man ruft an. »Sag mal, was ist denn bei Euch da los mit dem Bürgermeister?« Ein Freund aus Waldkirch, das liegt im badischen Kernland, hat’s im Internet gelesen und ruft neugierig an. Nach einem ausführlichen Gespräch lautet die Erkenntnis: Pfullingen liegt nicht im Niemandsland. Das Internetzeitalter rückt uns alle zusammen. Vor allem schlechte Nachrichten reißen die Menschen offensichtlich aus ihrer Zurückhaltung. Niemand außerhalb interessiert sich für die Belange der Stadt, wenn langweilige Normalität herrscht. Niemand ruft an, weil die Stadtmitte von Pfullingen ausblutet und niemand eine Chance hat, dem entgegenzuwirken. Aber solche zwischenmenschlichen Verwerfungen oder, wie es Friedrich Schiller nennt, Verirrungen, locken die Neugier des Menschen – Betonung auf Gier – und prägen so das Bild einer Stadt, das so schnell nicht wieder gut zu machen ist. Was das für Folgen hat – wirtschaftlich, gesellschaftlich oder als attraktiver Arbeitsplatz –  das können wir nur erahnen. Was momentan passiert, schadet Pfullingen nach außen nachhaltig. Ein Örtchen, das bislang immer durch seine familiäre Atmosphäre, ja ja es gibt Schwarze, Weiße und Pfollinger, aufgefallen ist. Durch Pragmatismus in Politik und im Umgang miteinander, im Vereinsleben mit aktiven und großartigen Menschen, die sich ihre Allerwertesten für ihren Verein und ihre Stadt aufreißen.  Und jetzt? Sieht die Welt einen Trümmerhaufen, dort wo es einst hieß: Es ist der schönste Platz der Welt. Die Bürger sind frustriert über den Stress, der kein Ende zu nehmen scheint. Neueste Entwicklung: der Gemeinderat wollte  dem Bürgermeister mit einem gemeinsamen Antrag der Fraktionen die Kompetenzen bei Rechtsstreitigkeiten beschneiden, ein Novum in der kommunalpolitischen Geschichte des Landkreises. Darin steckt wiederum Konfliktpotenzial. Ein konstruktives Miteinander liegt in weiter Ferne. Pfullingen von außen betrachtet, da spricht gerade nicht viel dafür. Können wir nur hoffen, dass die Bemühungen von Martin Fink ein bissle fruchten.