Die »Seawatch 3« ist zurzeit nahezu jeden Tag in den Medien. Das Rettungsboot sucht im Mittelmeer ununterbrochen nach Flüchtlingen, um sie aus zumeist lebensbedrohlicher und aussichtsloser Situation zu retten. Die Seawatch 3 ist fast das letzte private Schiff, das sich dort überhaupt noch um die Seenotrettung kümmert – nachdem die EU und auch Deutschland sämtliche Aktivitäten im Mittelmeer eingestellt hat. Und die private Hilfe massiv von öffentlichen Stellen der europäischen Staaten behindert wird. 
Was geht uns das an, könnte man sich hier im beschaulichen Reutlingen fragen. Eine ganze Menge, das sagen die Aktiven der »Seebrücke« in Reutlingen-Tübingen, das sagen aber auch die Arbeitskreise Asyl im Landkreis, die Evangelische Bildung und Asylpfarrerin Ines Fischer, die alle zusammen vor wenigen Tagen eine Informationsveranstaltung im Matthäus-Alber-Haus durchführten. Sowohl die EU wie auch Deutschland betreiben nach den Worten des Reutlingers Markus Groda von der Seebrücke nicht nur eine Politik der Unterlassung und Verhinderung von Hilfe – »die Flüchtlinge ertrinken jetzt, niemand sieht es, aber das ist ja auch erklärtes Ziel europäischer Politik«. Und das sei nichts anderes als »institutionalisierter Massenmord«, so Groda. 
Dabei bleibe es aber nicht: Libyen, ein Staat ohne funktionierende Strukturen – in dem die Küstenwache mit Schleusern, Schleppern, Waffenschmugglern und Drogenhändlern zusammenarbeite, in dem der Sklavenhandel blühe und Menschen gefoltert oder massenhaft einfach ermordet würden – dorthin fließen europäische Gelder. Um Flüchtlinge zurückzuhalten. Dabei kommen die meisten Geflüchteten aus der Subsahara, also aus Mittel-, Ost- und Westafrika, wie die Kinderärztin Stephanie Schüssele bei der Veranstaltung im Alber-Haus berichtete. Die Frankfurterin war über den Jahreswechsel hinweg selbst auf der Seawatch 3 dabei und hatte Rettungsaktionen ebenso erlebt, wie die versuchte Verhinderung der europäischen Staaten: Als die Schiffsbesatzung in Italien, Malta oder selbst Holland anfragte, ob sie in einem Hafen landen dürften, um die Geflüchteten an Land zu bringen, bekamen sie nach den Worten des Metzingers Klaus Stramm (aus dem Seawatch-Vorstand) überall die gleiche Antwort: Die Schiffsbesatzung solle sich an die libysche Küstenwache wenden. 
»Dort als Flüchtling zu leben, das ist die Hölle«, hat laut Schüssele ein Geflüchteter berichtet. Gleiches hatte auch Jean-Claude Juncker betont: Der EU-Kommissionspräsident bezeichnete Libyen ebenfalls als »Hölle für Flüchtlinge«, wie der »Spiegel« schon im April vergangenen Jahres berichtet hatte. »Das Auswärtige Amt vergleicht die libyschen Asylgefängnisse mit Konzentrationslagern, trotz dieser harschen Einschätzung plant die EU, künftig noch intensiver mit dem Land zu kooperieren«, hieß es auf Spiegel-Online weiter. 
Was aber können wir hier vor Ort tun, fragte ein Veranstaltungsbesucher im Reutlinger Alber-Haus. Weil die EU und Deutschland solch eine Politik der Abschottung betreibt und sehenden Auges die Menschen im Mittelmeer absaufen lässt, hat sich in Deutschland im vergangenen Jahr die »Seebrücke« gegründet. Die Initiative erfährt viel Unterstützung, nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von Städten und Gemeinden – mittlerweile sind es 37, die sagen: Wir sind bereit, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. So hat das vor rund zwei Wochen auch Rottenburg getan, »der Beschluss des Gemeinderats war einstimmig«, berichtete Markus Groda. Natürlich könne niemand aus diesen Städten wie Freiburg, Konstanz oder auch Köln, Potsdam, Halle und Berlin schlecht mit einem Bus zu einem Hafen im Mittelmeer fahren und die Flüchtlinge dort abholen. Oder vielleicht doch?
Durch die Erklärung der »Sicheren Häfen« von immer mehr Städten werde laut Groda politischer Druck auf die Landes- und Bundespolitik ausgeübt - die ja eigentlich zuständig für die Flüchtlingspolitik ist. Einfach nur weiter zusehen, wie fast jeden Tag Dutzende oder Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken, das ist nach Überzeugung nicht nur der Asyl-Aktiven menschenverachtend. Menschenrechtsverletzend.
Unbeschreiblich und sogenannter »zivilisierter Staaten« unwürdig. Übrigens hatte die Seebrücke die Reutlinger OB-Kandidaten vor der Wahl gefragt, wie sie sich gegenüber dieser Flüchtlingsfrage positionieren wollten. »Das Beste, was wir zu hören bekamen, war: Die Zuständigkeiten liegen nicht bei uns«, so Groda. Dass das auch anders geht, haben zahlreiche andere Städte bewiesen. Reutlingen könnte auch ein »Sicherer Hafen« werden.