Ein »Hochkaräter« sei der neue Haushalt für die beiden kommenden Jahre 2019 und 2020, betonte Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch vergangene Woche. Der Doppelhaushalt für die Stadt steht zum einen im Zeichen der extrem guten Einnahmezahlen – die Steuern sprudeln momentan so gut wie selten zuvor. Hinzu kommen Fördermittel von Bund und Land für Busnetz, Regionalstadtbahn und mehr. Die Stadt selbst sieht allein für den Radverkehr in den kommenden beiden Jahren 4,1 Millionen Euro vor, für das Stadtbusnetz 4,8 Millionen. »In den kommenden zehn Jahren wird die Stadt rund 100 Millionen Euro allein in das Busnetz investieren«, sagte Bosch beim Pressegespräch.

Das wird auch nötig sein – um den Individualverkehr aus der Innenstadt zu verdrängen und damit die vom Land geforderte Luftverschmutzung weiter zu senken. Eigentlich müsste das im Sinne aller Bürgerinnen und Bürger sein, schließlich geht es um unser aller Gesundheit. Doch zurück zum Haushalt: Dickster Batzen auf der Ausgabenseite wird laut Bosch weiter die Kinderbetreuung sein. Wobei es natürlich nicht ausreicht, allein die Gebäude zu erstellen – auch das rare Personal muss zunächst mal gefunden und langfristig finanziert werden. Eigentlich ist es ja eine tolle Sache, dass die Einwohnerzahlen in Reutlingen weiter steigen. Der gute Wirtschaftsstandort an der Achalm sorgt seit Jahren für den Zuzug von Arbeitskräften – Kindergärten und Schulen müssen für deren Kinder zur Verfügung gestellt werden. Wie aber die Zukunft aussieht, kann im Moment niemand sagen, das wäre wie Kaffeesatzleserei. So sah das auch Bosch, die mit dem Doppelhaushalt 2019/2020 das letzte Werk vorlegte, das sie zu verantworten hat. Ohne negative Entwicklungen herbeireden zu wollen: Ein Strukturwandel wie im Ruhrgebiet nach der Schließung der unzähligen Kohlezechen könnte auch in Baden-Württemberg und in Reutlingen bevorstehen. Wenn die hier so mächtige Auto- und Zulieferindustrie angesichts von Elektromobilität und Digitalisierung ihre weltweite Vorreiterfunktion verlieren könnte. Wenn die Arbeitskräfte aus der Achalmmetropole wegziehen, weil viele Jobs nach und nach wegfallen. Was dann? Darauf kann im Moment niemand Antworten geben. Weil ja auch niemand weiß, in welche Richtung die Entwicklung weitergeht.

Barbara Bosch und die Stadtverwaltung versuchen jetzt schon, im möglichen Rahmen, gegenzusteuern: Das Betz-Areal im Industriegebiet In Laisen soll entwickelt und dort Zukunftstechnologien angesiedelt werden. So wie das beim TTR zusammen mit Tübingen ja bereits gelingt. Natürlich werden die Arbeitskräfte von heute nicht eins zu eins in den Firmen der Zukunft ihre Jobs finden. Wie ist darauf zu reagieren? Eine Frage, die Reutlingen künftig beschäftigen wird, jetzt geht es allerdings zunächst um den Haushalt für die kommenden zwei Jahre: Der Gemeinderat wird sich in den kommenden Wochen damit befassen werden und die Fraktionen eigene Finanzierungswünsche einbringen. Genauso wie das die Kandidaten der im Februar anstehenden OB-Wahl versuchen werden. Dabei ist absehbar, dass die potenziellen künftigen Oberbürgermeister die erfreulich große Menge des zur Verfügung stehenden Geldes womöglich mit sehr unrealistischen Versprechungen unter das Volk bringen wollen. Und sie dabei völlig außer Acht lassen, dass der Haushalt doch vom Gemeinderat genehmigt werden muss. Da großartige Zusagen zu machen, weil die eine oder andere Gruppierung das gerne hätte, sollten sich also von selbst verbieten. Zunächst hat aber Barbara Bosch zusammen mit Finanzbürgermeister Alexander Kreher und Kämmerer Frank Pilz einen Haushalt vorgelegt, der die wichtigen Bereiche der Stadt berücksichtigt. Die meisten Ausgaben haben die Verantwortlichen unter den beiden Aspekten »Steuerung des Wachstums der Stadt« und »Erhalt der notwendigen bestehenden Infrastruktur« zusammengefasst, mit einem Volumen von 89 Millionen Euro. Und damit 23 Millionen mehr als im Haushalt 2017/2018. Besonders erfreulich daran: Das Ganze soll ohne jede Neuverschuldung passieren.