So. Haben wir es doch wieder mal geschafft - die Neujahrsempfänge sind allesamt fast vorbei. Die CDU fehlt noch, die lädt am kommenden Sonntag noch ein. Nur die SPD hat sich dem Ganzen entzogen und im vergangenen Jahr einen Jahresempfang angeboten. Ende April. Ansonsten hatten sich im gerade beendeten Januar alle möglichen wichtigen Gruppierungen zum Beginn des Jahres schon die Ehre gegeben - und nahezu immer die gleichen Honoratioren empfangen. Dazu zählen Jahr für Jahr Bundes- und Landtagsabgeordnete, Stadträte, Kreistagsmitglieder und sonstige immens wichtige Menschen aus der Reutlinger Gesellschaft - und eigentlich sind es eh immer die gleichen, die man bei solchen Veranstaltungen trifft. Mit leichten Variationen.

Egal, ob beim Neujahrsempfang der Stadt, der Kreishandwerker, der Freien Wähler, der FDP, der Linken, der IHK. Etwas anders sieht es stets beim Alternativen Neujahrsempfang aus, wo sich in diesem Jahr 33 Gruppierungen, Initiativen und Vereine im franz.K präsentierten – so viel wie noch nie.
Deutlich anders als alle anderen ist auch der Empfang der AfD - denn der wird von den allermeisten (oder eigentlich von fast allen anderen) routinierten Neujahrsempfangsbesuchern gemieden. Dafür standen rund 250 Gegner der Veranstaltung vor der Tür und demonstrierten mal wieder gegen die blaue Partei. Weil die bösen Demonstranten linker Gruppierungen von jeder Menge Polizisten von den AfD-Anhängern getrennt werden musste, konnten sich letztere einmal mehr in der Opferrolle aalen. Also alles wie immer?


Klar, denn: Bei nahezu allen Neujahrsempfängen wird jeweils ein Loblied auf die eigene Partei oder Gruppierung gesungen, oftmals gepaart mit dem Anprangern von so manchem Ungemach in der Stadt. Und dann folgt zumeist ein Vortrag. Oft werden Prominente eingeladen. Wie Wolfgang Bosbach bei der CDU. Oder Michael Theurer bei der FDP. Die IHK schaffte es in diesem Jahr, gleich vier Verleger von Zeitungen im Land auf die Bühne zu bringen und fragte nach der Zukunft des Journalismus. Zwei Gruppierungen hatten es geschafft, ein und denselben Redner ans Podium zu holen: Prof. Eugen Wendler sprach sowohl bei den Kreishandwerkern wie auch bei der FWV. Vielleicht hätten sie sich besser absprechen sollen?


Egal. Denn das Wichtigste bei all diesen Empfängen sind ja wohl - die Häppchen am Schluss der Veranstaltung. Und das gemeinsame Viertele zum angeregten Austausch. Zum Plausch. Oder wie es neudeutsch heißt: zum »Netzwerken«. Kontakte pflegen. Das ist wichtig. Klar. Aber so häufig innerhalb von wenigen Wochen? Hinter vorgehaltener Hand stöhnen so manche der Besucher über diese Flut an gesellschaftlichen Verpflichtungen gleich zu Beginn des Jahres. Grundsätzlich ist natürlich bei all diesen Veranstaltungen immer die Frage: Muss man/frau sich das überhaupt antun? Nur: Geht man/frau zu der einen Gruppierung nicht hin, könnte es ja vielleicht heißen: »Wo waren Sie denn bei dem einen Neujahrsempfang? Also dem vor zwei Wochen? Wer hatte da noch mal geladen? FWV, FDP oder doch Kreishandwerkerschaft? Ach ja, ich konnte bei dem Empfang vor drei Wochen auch nicht – oder war das vor vier Wochen? Egal. Hoffentlich reden die hier nicht wieder so ewig lang. Und hoffentlich gibt’s was G’scheits zum Essen.« So oder so ähnlich könnte sich so mancher der Gäste wohl geäußert haben. Allerdings natürlich nur hinter vorgehaltener Hand.


Wenn also diese Empfänge so eine Qual sind: Warum wird das Schaulaufen der Persönlichkeiten nicht einfach abgeschafft? Der Neujahrsempfang der Stadt reicht doch völlig aus, um allen wichtigen Bürgern in der Stadt und im Landkreis zu begegnen. Und ihnen ein »Gutes Neues Jahr« zu wünschen. Ach, haben wir das eigentlich schon getan? Nicht? Aber hallo, das geht doch nicht. Also – bevor das Jahr schon wieder halb vorbei ist, auch von unserer Seite aus noch »ein Gutes Neues Jahr«. Auch ganz ohne Empfang.