Was da derzeit unter dem Reutlinger Georgenberg geschieht, ist in vielerlei Hinsicht beispielhaft – auch in schlechter. Es geht um das Areal der früheren Gärtnerei Bihler zwischen der Peter-Rossegger- und der Hans-Reyhing-Sraße. Nette gewachsene Gegend, vielleicht sogar etwas feiner. Bessere Hälfte vom Ringelbach-Kiez. Recht ruhig jedenfalls. Als sich noch nicht abzeichnete, dass vor allem erschwinglicher, billiger Wohnraum dringend nottut, hat die Stadt Reutlingen einen privaten Investor gefunden, der auf dem doch recht innerstädtischen Gelände attraktive Wohnungen erstellen will, und zwar ziemlich viele.

Denn Verdichtung gehörte da längst zum Credo aller Stadtplaner: keine Zersiedlung durch maßlosen Flächenverbrauch und nutzlose Eigenheimgärtchen, kurze Wege, am besten mit Bus, Bahn und Fahrrad, urbanes Feeling – chic, handlich, zentrumsnah. Und Ökostandard. Klima, Sie wissen schon... Was im Reutlinger Fall durchaus vernünftige, ökologische und stadtplanerische Gründe hatte, traf sich auch mit dem Verdichtungsinteresse solcher Privatinvestoren, die möglichst attraktive und lukrativen Wohnungen auf eh schon viel zu teurem innerstädtischen Baugrund. »Ausmosten« nennen das böse Kritiker solcher Profit-Orientierung. Die Befürworter sprechen von »marktgerecht«, »bedarfsgerecht«, »nachfragegerecht«. Meistens wird dem gewinnträchtigen Projekt auch noch das eine oder andere Alibi-Mäntelchen umgehängt: Für Kita-Räume im Erdgeschoss »familiengerecht«, für Aufzüge und sonstige größtmögliche Barrierefreiheit »seniorengerecht« oder »behindertengerecht«. Gerecht jedenfalls. Das ist auch gut so. Der Brandschutz stimmt natürlich auch.

Und weil Englisch gleichfalls zusätzlich geschäftsfördernd ist, bekommt das Vorhaben der Stuttgarter BPD Immobilienentwicklung auf der ehemaligen Gärtnerei den hübsch grünen Namen »City Garden«.
Dumm nur, dass solch chic verdichtete, architektonisch ansprechende und locker gemischte Wohnmaschinen in Gegenden gestellt werden, die für eine Gärtnerei besser ausgelegt waren als für diese Mengen an neuen Nachbarn. 150 neue Wohneinheiten. Die vorschriftsmäßig kalkulierten 158 Tiefgaragenplätze plus 28 Freiluft-Garagen reichen dann eben nicht mehr. Denn die künftigen Bewohner werden eher den Zweit-SUV und Sohnemanns Flitzer zum Abi irgendwo abstellen müssen, als dass sie gar kein Auto hätten.


Die Anwohner jedenfalls befürchteten Schlimmstes und gründeten flugs die Interessengemeinschaft »Anwohner Bebauung Bihler-Areal«, kurz und flott ABBA genannt. Sie tut seither, was sie kann. Das drohende Chaos will sie verhindern. Und muss sich doch des Verdachts erwehren, dass Betroffene immer gegen alles sind, was an sich vernünftig, nötig oder gar unvermeidlich wäre: Stromtrassen, Pumpspeicherseen, Bahnhöfe, Windräder, Flüchtlingsheime, Spielplätze. Das Sankt-Florians-Prinzip halt.
ABBA befürchtet zu Recht, dass die Verkehrs-Infrastruktur solcher Zuwanderung so nicht gewachsen ist. Die Parkplätze werden noch knapper. Auch für den fließenden Verkehr sind die Wege schon jetzt zu dürftig.

Bei Schule, Bruderhaus-Werkstätten und Klinik wird das mit den An- und Abfahrten noch enger. Es könnte zu Zeiten Staus geben vor der Einfahrt in die Durchfahrtsschneisen Ringelbach und Alteburg. Aber für ihre Ablehnung einer Höhe von teils sechs Geschossen bemühen die ABBA-Aktivisten auch das Kleinklima (Luftschneise) am Georgenberg. Der Juchtenkäfer grüßt. Dabei ist es einfach die schiere Größe, mit der dieser Koloss die bisherige Wohnqualität beeinträchtigt. Sie wollen das nicht, und das ist verständlich. Das muss natürlich klug abgewogen werden, vor allem durch die Stadt.


Nicht nur von den Grünen-Vertretern im Gemeinderat, an die sie sich hilfesuchend wandten, fühlen sie sich etwa mit einer Empfehlung nicht ernst genommen, halt etwas weiter zum Auto zu laufen, sowieso öfter das Fahrrad zu nehmen oder überhaupt besser Fußgänger zu werden. Veräppelt fühlen sie sich wie früher die hungernden Pariser von Königin Marie-Antoinette. Die empfahl ja angeblich: »Sollen sie doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot haben.«
Die Stadt und ihr Bauinvestor haben schon ein paar Zugeständnisse gemacht. Die Zahl der Wohneinheiten ist von 150 auf nun 137 reduziert worden. Die Geschosszahl nicht. Auch das Ansinnen, zusätzliche Parkflächen (etwa auf den drei Innenhöfen) auszuweisen, stieß auf taube Ohren. Was immer am Ende des Zielkonflikts herauskommt und wieviel von den Forderungen ABBA durchsetzen kann: Den Anwohnern wird es wehtun.