Es hagelt Lob von allen Seiten. Für ein Konzept. Das am 9. September auf die Wirklichkeit trifft. Dann startet der neue Reutlinger Busverkehr. Dann transportieren 21 statt bisher 11 Buslinien Menschen. Dann stehen über einhundert zusätzliche Haltestellen bereit für die Wartenden.  Seit Wochen füllen Anzeigen Tageszeitungen und Magazine, preisen Plakate genau dies alles an – in leuchtend gelben Lettern, leuchtend grün hinterlegt. Funk und Fernsehen berichten begeistert über die Verkehrswende in Reutlingen – die düsteren  Nebel des Feinstaubes  sind (vorläufig) verflogen. Es herrscht Aufbruchsstimmung.  Dafür musste ein ganzes Wegenetz umgebaut werden, die Gartenstraße ist die neue Hauptschlagader. Das alles geschah in Rekordzeit. Das nötigt Beobachtern Respekt ab. Der RSV stemmte derweil die Logisitik.  Wenn am 9. September dann morgens um 4  Uhr die ersten Busse starten, läuft aber noch nicht alles rund. 
Es wäre nach all dem Lärm und Schaffen und Stress an der Zeit durchzuatmen, einmal kräftig seufzen. Es wäre auch an der Zeit für ein Gläschen Sekt. Mark Hogenmüller lacht, als er das hört. Und nickt. Es gibt schon noch einiges zu tun, sagt der Geschäftsführer der Reutlinger Verkehrsgesellschaft (RSV) und schiebt den verlockenden Gedanken an eine prickelnde Belohnung erst einmal beiseite. Es bleibt angespannt. 
In den vergangenen Monaten und Jahren hat er mit seinen Mitarbeitern all das geplant und umgesetzt, was ab 9. September Realität wird. Ein komplett neues Verkehrsnetz, das nicht nur neue Straßen braucht, sondern auch Fahrer, Logistik und nicht zuletzt neue Busse. 
Bis vor zwei Wochen hieß es hinter vorgehaltener Hand, es fehlten noch rund ein halbes Dutzend Busfahrer. Auch die vier neu bestellten Busse standen noch nicht im Fuhrpark. Damals blieb Hogenmüller optimistisch, was hätte er auch sonst tun sollen. Heuer sagt er: »Ich gehe davon aus, dass alle Linien befahren werden können.« Sein Optimismus hat sich ausgezaht. Sogar der vollelektrische Bus ist schon eingetroffen – früher als geplant.  Gleichwohl werde der RSV auch weiterhin Personal einstellen. Einen Busfahrer zu finden ist nicht leicht, solche Fachkräfte  schnitzt man sich nicht einfach so. Doch dieses Thema ist erst einmal vom Tisch. 
Aber es wird nicht alles reibungslos ablaufen, in den ersten Tagen. Das weiß Hogenmüller und  hört sie schon die Spötter und die Beschwerden. An einigen  Bushaltestellen prangt die falsche Buslinie, die Aushangfahrpläne sind falsch, die Zielbeschreibung und die Zielnummer der Busse stimmt nicht und manche Haltestelle ist noch Baustelle. 
Er ahnt es also und kann es trotzdem nicht verhindern. Hofft auf  Verständnis. Schließlich arbeiten bei der RSV auch nur Menschen, die in den vergangenen Monaten an ihre Grenzen gekommen sind. Sie können nicht alles auf einmal erledigen. Sie sind ja schon jetzt mit voller Kraft dabei..  Mitarbeiter sind  unterwegs, um die Aushangfahrpläne an den 600 Haltestellen  zu tauschen, werden die Symbole geändert und die Liniennummern weiterhin angepasst, auch die Nummern auf den Haltestellen erneuert. 
Zudem kann es sein, dass an der einen oder anderen Haltestelle noch Begrünung fehlt. Es sind im Grunde genommen Kleinigkeiten im Vergleich zu dem kompletten Kraftakt des Umbaus. Doch genau solche Kleinigkeiten betreffen die Bürger und führen zu Unverständnis und Ärger. Das versteht Hogenmüller und versucht in den kommenden Tagen alles menschenmögliche zu tun, um am Montag, 4 Uhr bei Schichbeginn das meiste abgearbeitet zu haben. 
Dann schläft er aber nicht aus. Dann steht er mit seinem kompletten Team in der Zentrale und beobachtet das Geschehen. Ob alles glatt läuft. 
Und irgendwann, wenn sich die Spannung löst, dann greifen Hogenmüller und seine Mitarbeiter auch zu einem Gläschen Sekt und stoßen an. 
Das haben sie sich dann auch redlich verdient. Prost neuer Busverkehr.     

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