Sie sind das Zünglein an der Waage beim Fußball und schlichtweg nicht wegzudenken. Ohne Schiedsrichter gibt es keinen Kick, doch immer weniger junge Menschen wollen sich das antun. Sich anpöbeln oder anschreien lassen oder gar körperlich angegriffen zu werden. Die Situation beim Schiri-Nachwuchs hat sich nicht maßgeblich verbessert. Der Satz: Hundert beginnen einen Neulingskurs und hundert hören wieder auf gilt nach wie vor. Doch es gibt Ausnahmen. Marc Packert ist einer von ihnen. Der Reutlinger pfeift seit vier Jahren Fußballspiele und zwar ziemlich erfolgreich. So erfolgreich, dass der 20-Jährige jetzt als Einziger der Schiedsrichtergruppe Reutlingen aufsteigt und ab der kommenden Saison Verbandsliga pfeifen darf sowie in der Jugendbundesliga und in der Oberliga assistieren. 

Hallo Marc Packert, warum sind Sie Schiedsrichter geworden?
Marc Packert: In der Schule hat man bei Fußballturnieren immer Schiedsrichter gesucht. Da hab ich mich gemeldet und es hat Spaß gemacht.

Das war der Einstieg.
Packert: Dann hat mich ein Kumpel auf die Neulingskurse der Schiedsrichtergruppe Reutlingen hingewiesen, dass ich dann auch offiziell Spiele leiten darf. Da bin ich hingegangen.

Dann haben sie Blut geleckt.
Packert: So ist es. Man kriegt die ersten Spiele, nachdem man den Kurs erfolgreich absolviert hat. Das hat mir schon richtig Spaß gemacht, ich wollte immer noch mehr Spiele haben.

Wie alt waren Sie da?
Packert: 16.

In welcher Liga steigt man da ein?
Packert: Jugendspiele. Die ersten drei Spiele geht ein erfahrener Schiri mit und erklärt noch mal viel.


Wenn man mal den Satz nimmt, 100 fangen im Neulingskurs an und 100 hören wieder auf: Wieso sind sie der 101.? Warum haben Sie weitergemacht?
Packert: Weil es einfach Spaß macht. Ich finde es cool derjenige zu sein, der in der Mitte steht und mit den Spielern umgeht und dafür sorgt, dass ein Spiel vernünftig zu Ende geht. Ich hab auch kein Problem damit, wenn mal ein Spieler eine Entscheidung nicht akzeptiert. Ich hab da mittlerweile ein dickes Fell und bin nicht so einer, der, wenn er einmal angeschrien wird, gleich davonrennt.

Hat sich durch dieses Hobby bei Ihnen auch persönlich etwas entwickelt?
Packert: Ja klar. Am Anfang nimmt man sich die Kritik zu Herzen und jetzt denkst Du dir, die sind so unzufrieden, weil sie zurückliegen, da ist es ja klar, dass man einen unangenehmen Satz in seine Richtung einfängt. Mit der Erfahrung geht man da eher lockerer damit um. 
Sagt der 20-Jährige, der seit vier Jahren seinen Mann auf dem Fußballplatz steht. Hut ab.
Packert: Ja es ist ein absolutes Hobby geworden.

Sie sind in dieser Zeit immer höher gestiegen. Worin liegt der Reiz?
Packert: Der Reiz höher zu pfeifen ist, dass das Spiel einfach besser wird, sowohl fußballerisch als auch von der Kulisse her. In der Oberliga und Verbandsliga gibt es teilweise gute Stadien. Das Drumherum ist in den oberen Ligen deutlich besser. Das ist der Anreiz, dass man da dran bleibt und weiter hoch will. 

Wie kommt man so schnell so weit? Oder anders gefragt, wie viele Lehrgänge und Prüfungen mussten Sie – in Ihrer Freizeit wohl gemerkt – bislang absolvieren, um so weit zu kommen: Assistent in der Oberliga und Jugendbundesliga sowie Verbandsliga-Schiri?
Packert: Vor jeder Saison musst Du einen Lehrgang absolvieren und den auch bestehen. Er besteht aus Leistungsprüfung, bei der die körperliche Fitness getestet wird, und man muss Regelfragen beantworten. Erst wenn man das besteht, darf man an der Aufstiegsrunde teilnehmen.

Aufstiegsrunde?
Packert: Man wird bei jedem Spiel beobachtet und bewertet. Man bekommt Noten für die Spielleitung. Wenn du oben stehst, steigst du auf, unten steigst du ab. 

Dann waren sie bei Ihnen stetig so gut.
Packert: Die Runde lief bis auf einen kleinen »Ausrutscher« sehr gut. Da muss ich dann auch meine Assistenten positiv erwähnen, die mich über die ganze Saison hinweg überragend unterstützt haben und auch diesen Miniausrutscher sehr gut ausgebügelt haben.

Und nun sind Sie der Einzige aus der Schiedsrichtergruppe Reutlingen, der aufgestiegen ist.
Packert. Das ist korrekt. Die anderen haben alle ihre Spielklasse beibehalten, sind weder hoch noch runter.

Wie fühlt man sich, wenn man jedes Mal beobachtet und bewertet wird?
Packert: Am Anfang war man schon sehr nervös und hat gedacht, man darf sich keinen Fehler erlauben. Mittlerweile ist es normal, dass jemand kommt.

Wie würden Sie Interessenten diesen Job als Schiedsrichter anpreisen?
Packert: Bei den ganz Jungen ist es der Taschengeldfaktor, der locken kann. Aber grundsätzlich kann man seine Persönlichkeit toll entwickeln, auch die Kameradschaft innerhalb der Gruppe ist wirklich toll, man wird an allen Ecken und Enden unterstützt.

Und wie sieht es mit den Beschimpfungen aus, denen Schiedsrichter ja permanent ausgesetzt sind?
Packert: Man sollte einen Charakter haben und entwickeln, um nicht alles so persönlich zu nehmen. Das ist manchmal nicht leicht, gebe ich zu, aber man entwickelt sich.

In der Verbandsliga oder Oberliga sind mehr Zuschauer da und auch mehr Kritiker.
Packert: Aber es sind Gruppen, die da rufen. Damit kann man besser umgehen, als wenn es nur ein Einzelner ist. Das ist dann eher auf der persönlichen Ebene.

Wie weit ist es bis zur Bundesliga?
Packert: (seufzt) Sehr weit. Da sind noch einige Ligen dazwischen, das ist kein realistisches Ziel, eher ein Traum.

Warum ist es kein Ziel?
Packert: Mit 20 sollte man dann schon Oberliga pfeifen oder sogar Regionalliga oder noch weiter oben. Da sollte man am richtigen Ort zur richtigen Zeit sein. Aber grundsätzlich vorstellen könnte ich mir das schon. 

Und abschließend noch die Frage, die gerade alle Fußballfans bewegt: Wer wird Weltmeister?
Packert: Deutschland wäre schon cool, aber so optimistisch bin ich da nicht.

Interview von Dieter Reisner