Es ist ein schwelender Prozess. Seit Jahren suchen die Fußballverbände und ihre Bezirke nach jungen Schiedsrichtern. Doch der Nachwuchs ziert sich. »Von 100 Anfängern hören 100 wieder auf«, sagte vor Jahren schon der Vorsitzende der Bezirksliga Alb, Horst Beck diesem Blatt. Viel hat sich nicht geändert, ergänzt Philipp Herbst. Wir haben uns mit Schiedsrichter-Obmann der Gruppe Reutlingen unterhalten.

Hallo Herr Herbst, warum sind Sie Schiedsrichter geworden?
Herbst: Ich musste aufgrund einer Knieverletzung 2003 meine aktive Karriere als Torhüter beim SSV Rübgarten beenden. Aber ich wollte dem Fußball erhalten bleiben und dachte mir: Dann versuche ich mich halt als Schiedsrichter. Das war auch für Rübgarten gut: Sie hatten damals keinen Schiri.

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Das war offensichtlich eine richtige Entscheidung.
Herbst: Auf jeden Fall – ich hatte sofort viel Spaß daran und habe es bis heute nicht bereut.

Warum will heute niemand mehr Schiedsrichter werden?
Herbst: Sehr gute Frage. Vor allem liegt es wohl daran, dass das Umfeld rund um die Sportplätze sehr, sehr rau geworden ist. Schiedsrichter zu sein ist häufig eine undankbare Aufgabe. Es ist nicht jedermanns Sache, sich jedes Wochenende so für eine Sache zu engagieren, bei der man sich auch noch Kritik einfängt, im schlimmsten Fall auch beleidigt wird. Der Schiedsrichter wird allzu oft als notwendiges Übel angesehen. Das Image könnte in der Tat besser sein.

Wie sehen die Zahlen im Bezirk aus?
Herbst: Für den Bezirk Alb gibt es drei Gruppen: Münsingen, Reutlingen und Tübingen. Alle drei haben ähnliche Schwierigkeiten. In Reutlingen sollten es etwa 160 Unparteiische sein, damit die vorhandenen nicht über Gebühr strapaziert werden. Momentan haben wir 120 aktive Spielleiter, also rund 40 zu wenig.

Wie sieht es im Land aus?
Herbst: Es ist von Region zu Region verschieden. Vor allem im ländlichen Bereich werden es weniger. In Reutlingen haben wir noch Glück, da ist das Defizit nicht ganz so groß. Aber es fehlen generell Schiedsrichter. Wir haben jährlich einen Schwund und kämpfen eigentlich nur darum, unseren Istbestand zu halten. Momentan gibt es im WFV etwa 6 500 Unparteiische.

Aber es gibt die Vorgabe, dass die Vereine Schiedsrichter stellen müssen. In der Theorie müsste es eigentlich passen.
Herbst: Das ist so ähnlich wie der Generationenvertrag bei der Rente: Der funktioniert ja auch nicht so ganz, wie man sich das vorgestellt hat. Von jeder aktiv gemeldeten Mannschaft von Herren/Frauen bis zur D-Jugend müsste ein Schiedsrichter gestellt werden. Im Schnitt hat jeder Verein einen Schiri zu wenig – zumindest im Kreis Reutlingen. Das bringt uns in Probleme.

Welche Strafen erwarten die Vereine?
Herbst: Sie werden richtig zur Kasse gebeten. Im letzten Jahr waren das im Kreis Reutlingen über 10 000 Euro für 40 Vereine, das heißt, jeder davon investiert im Schnitt über 400 Euro in Strafgebühr, die er nach Stuttgart überweist. Das Geld könnte man woanders sinnvoller investieren – etwa für 80 Euro eine neue Ausrüstung für einen vereinseigenen Schiedsrichter kaufen.

Warum sollte man denn überhaupt Schiedsrichter werden?
Herbst: Um nach der aktiven Karriere dem Fußball verbunden zu bleiben. Diese Leute wären uns sogar am liebsten. Gestandene Fußballer von Mitte 30 bis Mitte 40 bringen Fußball- und Lebenserfahrung mit und können mit Spielern auch anders umgehen als ganz junge Leute.

Wie wirken sich die Erfahrungen als Schiedsrichter aufs Privatleben aus?
Herbst: Ich staune immer wieder über so manche charakterliche Entwicklung bei »meinen« Schiedsrichtern. In Sachen Selbstbewusstsein, Auftreten, Konfliktlösungsfähigkeit und Umgang mit Menschen lernt man als Unparteiischer enorm dazu.

Das heißt, sie tun sich leichter?
Herbst: Sowohl im Beruf als auch im privaten Umfeld. Letztendlich ist es einfach eine schöne und herausfordernde Aufgabe: 22 Mann stehen auf dem Feld und sie sind alleine für den geregelten Spielverlauf verantwortlich.

Aber man kann es doch keinem Recht machen.
Herbst: Sie erleben 90 Minuten angewandtes Konfliktmanagement. Das können sie wunderbar trainieren. Mir macht es immer noch Spaß, auf dem Platz zu stehen und die eigenen Entscheidungen zu vertreten.

Wie überzeugen Sie jemand davon, Schiedsrichter zu werden?
Herbst: Jeder, der Fußball spielt kennt die Situation: Man ist mit der Entscheidung des Schiedsrichters nicht einverstanden. Man würde selbst alles ganz anders machen. Denen sage ich: Dann tut es doch! Pfeift ein einziges Kreisliga-C-Spiel und wir unterhalten uns danach über dieselbe Frage.
    
    Interview von Dieter Reisner