Jahrhunderte lang diente die 1450 erbaute Sülchenkirche den Rottenburgern als eine ganz normale Friedhofskirche. Auf dem Friedhof nebendran pflegten sie die Gräber ihrer Verstorbenen. Dann wurde die Kirche baufällig und sechs Jahre lang renoviert.
Was unter der Kirche zum Vorschein kam, ist eine Sensation: Ein Gräberfeld, das bis ins sechste Jahrhundert zurückreicht, und Grabbeigaben von unschätzbarem Wert. »In Sülchen wird jetzt spürbar, was unsere Wurzeln sind und welches große geschichtliche und geistliche Erbe wir zu verwalten haben, um es in die Gegenwart hinein bezeugen zu können«, so Gebhard Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

80 Gräber
Unter der Kirche fanden Archäologen Reste zweier Vorgängerkirchen aus dem 9. und 8. Jahrhundert. Zudem förderten die Forscher 80 Gräber zutage, die bis ins 6. Jahrhundert zurückreichen. Damals war es üblich, Kirchen auf Gräbern zu errichten. Später wurden die Gräber im Kirchenboden angelegt, denn die Verstorbenen sollten nahe dem Altar liegen. In den Gräbern wurden zahlreiche Grabbeigaben wie Rosenkränze und Schmuckstücke gefunden. Besonderes Aufsehen erregte ein Mädchengrab aus der Zeit um 600. Dem etwa 20 Jahre alten Mädchen wurde ein Radkreuz ins Grab gelegt, ein Beleg dafür, dass der christliche Glaube in dieser Gegend schon früher als bisher angenommen Verbreitung gefunden hatte. 
Jetzt sind die sensationellen Funde in der neu gestalteten Unterkirche in zwei Ausstellungsräumen zu besichtigen. Anhand von Illustrationen der Verstorbenen wird die ursprüngliche Verwendung der Kleidungstücke, Waffen oder Schmuckstücke vorstellbar. »Wir öffnen ein Fenster in die Alltagswelt und Kultur der Menschen vergangener Zeiten; zugleich berühren sie eine Menschheitsfrage, die Frage nach Tod und Jenseits, nach dem ‚Was kommt danach?’«, so Melanie Prange, Leiterin des Diözesanmuseums, zu dem die Ausstellung unter der Sülchenkirche gehört. Kostbar verzierte Schwerter, Messer und Perlenketten aus schillerndem Farbglas, all das ist in den neuen Ausstellungsräumen unter der Sülchenkirche zu bewundern. Auch die Grablege der Bischöfe, die sich seit 1869 unter der Kirche befindet, wurde renoviert. Wer heute die Stufen zur Gruft herabsteigt, wird bewusst verlangsamt. »Die Gestaltung des Weges zur Grablege folgt dem Thema des langsamen Eintauchens und bereitet den Besucher ruhig und gelassen auf den zentralen Raum der Andacht vor«, so der Architekt Andreas Cukrowicz. Der Raum der Grablege erinnert jetzt an frühzeitliche Felsengräber. Eine besondere Bedeutung hat das Licht in der neuen Bischofsgruft. Andreas Cukrowicz: »Der Altar als Zentrum des Raumes dient als Reflektor und symbolisiert Jesus Christus, von ihm geht alles Licht aus. Er ist das Zentrum des Lichts, das die Welt erhellt.«
Am Samstag, 4. November wird die Sülchenkirche feierlich (wieder-)eröffnet. Mit einem Pontifikalamt um 10 Uhr weiht Bischof Gebhard Fürst die Kirche wieder ein. Um 14.30 Uhr Uhr wird die neue Außenstelle des Diözesanmuseums unter der Kirche eingeweiht und ist dann zu besichtigen. Am Sonntag, 5. November steht die Ausstellung von 14 bis 17 Uhr offen. Ansonsten bedarf der Besuch der vorherigen Anmeldung.     –tw

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Führungen
 

Der museale Teil der Sülchenkirche ist aufgrund der Größe der Ausstellungsräume nur mit Führung zugänglich. Führungstermine auf Anfrage im Diözesanmuseum Rottenburg, Karmeliterstr. 9, 72108 Rottenburg, Telefon
0 74 72/ 92 21 80, E-Mail: meum@bo.drs.de, www.dioezesanmuseum-rottenburg.de. 
Preis pro Führung durch Kirche, Ausstellungsbereich, Bischofsgruft für 15 Personen: 25 Euro zuzüglich 3 Euro pro Person (Kinder bis 12 Jahren frei). Besondere Hinweise: Die Räumlichkeiten in der Unterkirche mit Ausstellungsbereich und Bischofsgruft ermöglichen nur eine beschränkte Teilnehmerzahl von 15 Personen pro Führung. Planen Sie bei größeren Gruppen bitte zwei Führungen ein. Die Unterkirche ist nur über eine Treppe zugänglich.     –tw