ROTTENBURG. 150 Jahre Gasversorgung, 110 Jahre Strom aus dem Neckar, 45 Jahre Flusskraftwerk an der Tübinger Straße und vor 30 Jahren wurde das erste Blockheizkraftwerk in Betrieb genommen: Die Stadtwerke Rottenburg begehen 2014 gleich mehrere runde Geburtstage. Gefeiert wird mit einem großen Fest im Juli, einer Ausstellung und einem Buch, das die Geschichte der Stadtwerke dokumentiert.

Dieter Pfeffer, Technischer Leiter der Stadtwerke, erinnert sich noch genau, wie das früher beim Fernsehschauen war: Je mehr Haushalte in Rottenburg ihr Gerät einschalteten, desto kleiner wurde das Bild bei ihm zu Hause. Das ist heute natürlich schon lange nicht mehr so. Der Umstieg von Gleich- auf Wechselstrom machte in diesem Bereich für die Nutzer vieles einfacher.

Den Beginn in Sachen Komfort und Sicherheit markiert aber, ziemlich genau vor 150 Jahren, die Eröffnung der ersten Gasfabrik in Rottenburg – die Geburtsstunde der Stadtwerke. Dort wurde aus Kohle das Stadtgas hergestellt, mit dem bald schon die ersten Gaslaternen die Rottenburger Nacht erhellten. »Das war fast schon luxuriös«, so Martin Beer, Geschäftsführer der Rottenburger Stadtwerke.

Für uns heute sicherlich nur schwer nachvollziehbar – aber der Moment, als 1864 zusätzlich zu den fünf Öllampen, die damals die Innenstadt erhellten, noch 40 Gaslaternen in der Neckarstadt leuchteten, muss schon ein besonderer Augenblick gewesen sein. »Das war für damalige Verhältnisse High-Tech«, betont Beer. »Die Nacht wurde zum Tag gemacht«, beschreibt Beer. Und weitere Innovationen sollten folgen: Rottenburg wuchs, und bald wurde das Gas auch im Haushalt genutzt – nicht nur zur Beleuchtung, sondern auch zum Kochen, Kühlen und Heizen. Schließlich wurde das Stadtgas vom weitaus sichereren Erdgas abgelöst.

Parallel dazu schritt die Stromgewinnung und der Ausbau eines entsprechenden Netzes voran. »Erneuerbare Energien wurden in Rottenburg schon sehr früh genutzt«, betont Beer. 1904 wurde das erste städtische Flusskraftwerk eröffnet. Es sollten weitere folgen, unter anderem 1969 das in der Tübiger Straße und 1991 das »Beim Preussischen«. Mit der Energiegewinnung aus dem Neckar haben die Stadtwerke in Sachen regenerative Energien »eine Vorreiterrolle übernommen«, erklärt Pfeffer. Vom Ausstieg aus der Kernenergie nach dem Vorfall im Atomkraftwerk in Fuku-shima sei man deshalb »nicht auf kaltem Fuß erwischt worden«, so der Technische Leiter.

Dennoch spielte auch das Atom-Zeitalter in Rottenburg eine Rolle. Eine so große gar, dass Ende der 1970er Jahre die Gasversorgung eingestellt wurde. Das Gas-Leitungsnetz war marode und hätte erneuert werden müssen. Die Kernenergie galt damals als die fortschrittlichste Art der Energieversorgung und war günstig. Doch lange hielt man daran nicht fest. Mitte der 1980er Jahre wurde das Gasnetz nach einer Erneuerung wieder in Betrieb genommen.

Alle Städte hätten damals das gleiche Problem gehabt – sie wuchsen und die Menschen wollten mehr Komfort. »Aber dass die Gasversorgung komplett aufgegeben wurde, ist mir außerhalb von in Rottenburg nicht bekannt«, sagt Dr. Rainer Lächle, Geschäftsführer der D.I.E. Firmenhistoriker GmbH. Sein Unternehmen hat zum 150-jährigen Bestehen der Stadtwerke das Archiv des Energieversorgers durchforstet. Hinter den Zeichnungen, Plänen und Gemeinderatsprotokollen, die sie sichteten, stecken – neben wichtigen historischen Daten – auch viele Anekdoten. Beispielsweise vom Kolonialwarenhändler, der als einer der vehementesten Gegner der Gasversorgung galt. Nicht etwa aus Sicherheitsgründen, sondern, weil er einen Einschnitt in sein Geschäft befürchtete. Schließlich belieferte er die Stadt mit dem Petroleum für die Öllampen. Diese Gschichte findet, neben zahlreichen anderen, sicherlich einen Platz im Buch zum Jubiläum, das zum Fest, das für den 3. Juli geplant ist, erscheint.

Für Oberbürgermeister Stephan Neher gehören die Stadtwerke trotz ihrer 150-jährigen Historie ganz und gar nicht zum alten Eisen. Im Gegenteil – das Unternehmen habe stets seinen Finger am am Puls der Zeit gehabt und behaupte sich heute im Wettbewerb gegen andere Versorger. Die Stadt beteiligt sich mit einer kommunalen Einlage von 15 Millionen Euro an den Stadtwerken – inklusive TBR. »Das ist gut angelegtes Geld«, betont der OB.

Das Unternehmen ist auch für Ersten Bürgermeister Volker Derbogen »insgesamt ein Erfolgsmodell«. Einen großen Anteil daran hätten auch die beteiligten Menschen. »Nur mit solch engagierten Mitarbeitern funktionieren die Stadtwerke überhaupt«, lobt Derbogen.