REUTLINGEN. Helga Jansons ist eine selbstbewusste Frau, die weiß, was sie will. Da bremst sie auch ihr Rollstuhl nicht aus, in dem sie Zeit ihres Lebens sitzt. Seit Jahren setzt sie sich für die Inklusion ein und ruft Menschen mit Handicap zur Mitbestimmung auf. Dabei geht sie selbst mit einem guten Beispiel voran. Um sich für ihre Anliegen Gehör zu verschaffen, bringt sie sich ein. »Sie ist schon fast ein Medienprofi«, lobt Stephan Josenhans, Gesamtleiter der KBF in Reutlingen. »Es beeindruckt mich immer wieder, mit welcher Energie Helga Jansons ihre Ziele verfolgt«, erzählt der KBF-Leiter. Mit ihrem Wissen, Willen und ihrer Courage sie ist sozusagen das Sprachrohr vieler Behinderter in der Region. Seit 20 Jahren arbeitet die 54-Jährige als Bürofachhelferin bei der KBF in Reutlingen. Eine Arbeit zu haben, bedeutet Helga Jansons sehr viel. »Das ist für mich ein Feld, wo ich mitbestimmen kann«, erzählt sie. Außerdem steigere es das Selbstbewusstsein. Seit vielen Jahren engagiert sich Helga Jansons in zahlreichen Gremien. Dazu zählen beispielsweise die Behindertenliga im Landkreis Reutlingen, der Beirat der Selbsthilfe der Inklusionskonferenz im Landkreis Reutlingen. Hier hat sie die Rolle der Sprecherin übernommen.

Aber auch beim Runden Tisch ÖPNV der Stadt Reutlingen und beim »Club der Behinderten und ihrer Freunde Tübingen« ist sie aktiv tätig. Stets hat sie ein offenes Ohr für die Sorgen und Probleme ihrer Mitmenschen, mit denen sie ein ähnliches Schicksal teilt. Die Informationen aus ihren Ämtern gibt sie gerne an sie weiter. Ein Problem, das man immer wieder an Helga Jansons heranträgt, sei die Mobilität, erzählt sie. Für die 54-Jährige, die gebürtig aus Freiburg stammt und heute selbstständig in einer Zweizimmerwohnung in Tübingen lebt, ein ganz wichtiges Thema. Für sie liegen Mitbestimmung und Mobilität eng beieinander. »Das eine geht nicht ohne das andere«, betont sie. Ohne eine Fahrgelegenheit kommen Menschen mit Handicap oft gar nicht zu den Veranstaltungen oder Sitzungen, weiß die 54-Jährige. Auf der anderen Seite ist Mobilität aber auch ein Kostenfaktor, weiß Jansons. Viele Behinderte müssten mit einem kleinen Geldbeutel auskommen. Wer beispielsweise ein Sonderfahrzeug für den Rollstuhl brauche, zahle 70 Cent pro Kilometer. Die vier Freifahrten, die man bekomme, vorausgesetzt man lebt alleine und nicht im Heim, sind »auch nicht der große Brüller«, beanstandet Jansons. Das seien gerade mal zwei Veranstaltungen im Monat, die man besuchen könnte. Hin- und Rückweg gelten als zwei Fahrten. Auf Dauer wünscht sich die 54-Jährige hier bezahlbare Lösungen.

Die bisherigen Entlastungen reichen ihr nicht. Die kostenlosen Fahrten in einigen Zügen seien zwar toll. Damit sei man aber in der Regel noch nicht am Ziel. Die nächste Hürde wartet auf Menschen mit einem Handicap dann meist am Bahnhof. Stichwort kaputte Aufzüge oder die Weiterfahrt zum Zielort. Wie langwierig sich einige Dinge entwickeln können, zeige der Aufzug im Bahnhof von Reutlingen. »Das hat 20 Jahre gedauert, bis der da war«, erzählt sie. Was zeigt, dass sie für ihre Arbeit mitunter viel Geduld aufbringen muss. Trotzdem will sie sich weiterhin für ihre Anliegen starkmachen. Inklusion sei für sie erst verwirklicht, wenn man nicht mehr darüber redet. »Das wird aber wohl noch ein paar Generationen dauern«, sagt die 54-Jährige. Und dann hat sie noch eine Vision. »Wenn sich Inklusion und Integration vermischen würden. »Das wäre ein Traum«, sagt sie. Dass dieser Traum einmal wahr wird, dafür braucht Helga Jansons viele Menschen, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit einbringen ganz gleich, welche Bildung sie haben. »Auch Menschen mit einer geistigen Einschränkung haben etwas zu sagen«, betont sie. Wenn es noch mehr Menschen gibt wie Helga Jansons, wird es garantiert nicht mehr viele Generationen überdauern, bis Inklusion ein fester Bestandteil der Gesellschaft sind.  

Hintergrund: Mit dem Modellprojekt Inklusionskonferenz möchte der Landkreis Reutlingen zusammen mit seinen kreisangehörigen Städten und Gemeinden sowie allen anderen relevanten Akteuren weiter auf dem Weg voranschreiten, die Ziele der UN-Behindertenrechts-Konvention auf kommunaler Ebene umzusetzen. Um Menschen mit Handicaps, Angehörige und Selbsthilfegruppen als Experten aus eigener Erfahrung von Beginn an am Modellprojekt zu beteiligen, wurde neben der Inklusionskonferenz der Beirat »Selbsthilfe« eingerichtet.