KIRCHENTELLINSFURT.  Sie waren eigentlich eine glückliche Familie in der damaligen DDR. Trotz allem hegten Lutz und Karin Kersten den Traum von Freiheit. Sie wollten ihre Meinung äußern und in fremde Länder reisen. Ermutigt durch eine westdeutsche Urlaubsbekanntschaft stellten sie 1984 einen Ausreiseantrag. Dieser war der Anfang jahrelanger Schikanen durch die Stasi, an denen Karin Kersten schließlich psychisch zerbrach und eine verhängnisvolle Entscheidung traf. Die Zeit heilt alle Wunden. Für Lutz Kersten trifft dieser Satz nicht zu. Was ihm und seiner Familie in den 80er Jahren in der ehemaligen DDR widerfahren ist, kann er bis heute nicht vergessen. Eigentlich liefert die Geschichte die Vorlage für einen Film. Das damalige DDR-Regime hat das Leben von Karin und Lutz Kersten und ihren zwei Töchtern zerstört. Die Erfüllung des Traumes von einst nach Freiheit haben sie mit einem großen Opfer bezahlt: dem Tod der geliebten Frau und Mutter. »Wie Menschen so handeln können, kann ich bis heute nicht verstehen«, sagt der heute 60-Jährige fassungslos. Immer wieder sucht er im Gespräch nach Worten. Dabei schaut er auf die Fotos, die vor ihm liegen. Bilder, die eine glückliche Familie zeigen.

Angefangen hat alles 1978 als Karin und Lutz Kersten in der damaligen DDR einen Ausreiseantrag für Australien stellten, wo sie Verwandte besuchen wollten. Dieser wurde ebenso abgelehnt wie später die Anträge für Reisen nach Tunesien und Jugoslawien. Den Kerstens blieb nichts anders übrig, als sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Sie gingen ihrer täglichen Arbeit in Stendal nach. Was blieb war der Traum von Reisen in ferne Länder. Bei einem ihrer nächsten Urlaube lernten sie 1983 am Plattensee in Ungarn einen Urlauber aus Baden-Württemberg kennen. Er fragte, ob sich Lutz und Karin Kersten ein Leben in der Bundesrepublik vorstellen könnten? Sie konnten. Was war das Leben jenseits der Mauer in der damaligen DDR gegen ein Leben in Freiheit im Westen. Während ihre Urlaubsbekanntschaft im Westen die Ausreise in die Wege leitete, stellten die Kerstens am 1. März 1984 in der DDR einen Ausreiseantrag. Damit begann für sie eine jahrelange Diskriminierung. Für das Ehepaar nicht ganz überraschend. »Das war uns bewusst, das wir mit Abgabe des Ausreiseantrags mit Schikanen rechnen mussten«, sagt Lutz Kersten. Dass das Regime aber auch eine Familie psychisch zersetzen kann, hätten sie nicht gedacht.

Mit dem Tag der Abgabe des Ausreiseantrags wurde den Kerstens der Personalausweis abgenommen und gegen einen provisorischen, PM 12, eingetauscht. Jedem, dem sie dieses Dokument vorzeigten, wusste sofort, dass sie politisch auffällig oder straffällig geworden waren. Auf der anderen Seite ließ das Dokument aber auch hoffen, dass sie bald ausreisen durften. »PM12-Inhaber wurden bei der Ausreise bevorzugt«, erzählt Lutz Kersten. Bei ihnen sollte das allerdings ganze vier Jahre dauern. »Eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen«, erinnert er sich. Dabei immer die Angst im Nacken, dass sie verhaftet werden und ihre zwei Töchter in ein Heim kommen. »In den vier Jahren haben wir in der Wohnung kaum gesprochen, weil wir wussten, dass wir verwanzt waren«, erzählt der 60-Jährige. Die Ausreise sei nur im Freien ein Thema zwischen ihm und seiner Frau gewesen. Im April 1988 wurden Lutz und Karin Kersten schließlich verhaftet und im Juli zu drei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Ausschlaggebend war eine Demonstration, die sie in Berlin geplant hatten, bei der sie auf die Beeinträchtigungen durch die staatlichen Organe in der DDR hinweisen wollten.

Karin Kersten kam nach Hoheneck ins Erzgebirge ins Frauenzuchthaus, wo sie mit Mörderinnen und anderen Straftäterinnen einsaß. Einst eine Kämpfernatur zerbrach sie schließlich psychisch. Lutz Kersten kam nach Magdeburg ins Gefängnis. Hier erwartete ihn eine Zelle ohne Uhr und Tageslicht. »Für acht Monate hatte ich das Gefühl für Raum und Zeit verloren«, erinnert er sich. Im November 1988 kaufte die Bundesrepublik das Ehepaar frei. Am 25. November kamen Lutz und Karin Kersten in Kirchentellinsfurt an, wo sie Verwandte hatten. Allerdings ohne ihre beiden Töchter, die noch bei ihren Großeltern waren, wo sie während der Haftstrafe ihrer Eltern lebten. Ihre Ausreise verzögerte sich immer wieder. Nachdem auch Weihnachten 1988 die Familie noch nicht wieder zusammen war, nahm sich Karin Kersten am zweiten Weihnachtsfeiertag das Leben. Vier Tage später trafen die Töchter schließlich in Kirchentellinsfurt ein. Die Stasiakte der Familie ist insgesamt acht Kilogramm schwer. Bis heute hat Lutz Kersten noch nicht den Mut gehabt, Einblick darin zu nehmen. Irgendwann wolle er das aber noch machen. Diese besondere Lebensgeschichte war ein Grund, das Lutz Kersten in das Zeitzeugenportal www.zeitzeugenbuero.de aufgenommen wurde. Die Online-Plattform vermittelt Schulen und Einrichtungen den Kontakt zu mehr als 300 Zeitzeugen. Einer davon ist Lutz Kersten.

Die damalige Grenze sei gegen die eigenen Menschen und nicht gegen die Bundesrepublik gewesen, betont er. Bis heute kann er nicht verstehen, dass haftentlassene Übersiedler aus der ehemaligen DDR weniger Rente bekommen als die Täter. Das müsse sich ändern. Dafür will er sich einsetzen. Heute hat Lutz Kersten wieder eine Frau an seiner Seite und ist in Kirchentellinsfurt längst heimisch geworden. »Ich habe hier so viel Hilfe erfahren«, sagt er. Der Kontakt zur Urlaubsbekanntschaft aus dem »Westen« besteht ebenfalls nach wie vor noch. »In diesem Jahr feiern wir unser 30-Jähriges mit einem kleinen Grillfest«, freut sich Lutz Kersten über die Bekanntschaft, die sein Leben verändert hat.  

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