REUTLINGEN. Das nächste Porträt innerhalb der Inklusionskampagne »Duichwir - alle inklusive« beschäftigt sich mit einem Mann, der trotz seiner hochgradigen Sehbehinderung, die er seit seiner Geburt hat, seinen Platz in der Arbeitswelt gefunden hat. Geholfen haben ihm sein starker Wille, eine gehörige Portion Hartnäckigkeit sowie ein Arbeitsvermittler beim Jobcenter der Agentur für Arbeit in Reutlingen, der die »Fördermittel schnell in die Wege geleitet hat«, betont Marc Oliver Klett. 

Seit Juli 2014 hat der 40-Jährige einen Arbeitsplatz in der Geschäftsstelle der Inklusionskonferenz unter dem Dach des Landratsamts, zunächst befristet bis zum Jahresende. So lange wurde der Eingliederungszuschuss bewilligt. Bei der Behörde zeigt man sich offen, was die Beschäftigung von Menschen mit einem Handicap angeht. Klett würde sich über mehr solcher positiven Beispiele freuen. »Es gibt fachliche und finanzielle Zuschussmöglichkeiten«, betont Uwe Köppen, derzeit kommissarischer Leiter der Inklusionskonferenz. Man müsse das Können dieser Menschen in den Fokus rücken, dann erkenne man, wie viele Qualitäten in ihnen stecke, sind sich Köppen und seine Kollegin Susanne Blum einig. Letztendlich sei es für alle Mitarbeiter etwas besonders, so Köppen. Auch Nichtbehinderte würden eine Menge durch diese Situation lernen. Die Geräte, die Marc Oliver Klett täglich für seine Arbeit braucht, gehören ihm. Finanziert über den Reha-Träger, in diesem Fall der Agentur für Arbeit. Würde er den Arbeitgeber einmal wechseln, nimmt er die Geräte mit. Lediglich das Programm müsste angepasst werden. Sein Gehalt wird ebenfalls zum größten Teil über den Eingliederungszuschuss finanziert. 

Marc Oliver Klett möchte nicht, dass man viel Rücksicht auf seine Behinderung nimmt. Er wünscht sich so viel Normalität wie möglich. »Das wollen die meisten Menschen mit einem Handicap«, sagt er. Wenn ihn jemand fragt, ob er eine Sendung im Fernsehen gesehen hat, findet er daran nichts Anstößiges. »Natürlich schaue ich Fernsehen, auch wenn ich nichts sehe«, sagt er bestimmt. Und genauso gut geht er auch ins Kino, um sich einen Film »anzusehen«. An seinem Arbeitsplatz ist Marc Oliver Klett ein Kollege, wie jeder andere auch. Lediglich sein Schreibtisch sieht etwas anders aus. Neben seinem Laptop steht ein Sprachausgabegerät, das ihm geschriebene Texte vorliest. Zu seinen Tätigkeiten gehören die Sitzungen der Inklusionskonferenzen vor- und nachzubereiten, Projekte zu entwickeln sowie Termine in den Außenstellen Münsingen und St. Johann wahrzunehmen. Dies sei so ziemlich der einzige Punkt, wo er sich nicht mit seinen Kollegen vergleichen könne. »Die steigen ins Auto. Das kann ich nicht«, sagt er. Dies gleicht er mit seinem guten Organisationsgeschick schnell wieder aus. Zum Glück gibt es ja Busse oder Taxen. Dass die Ablage mehr in digitaler Form erfolge, stört auf der Geschäftsstelle ebenfalls niemanden. 

Der 40-Jährige ist froh, dass er die Chance bei der Inklusionskonferenz bekommen hat. Für ihn war es eine glückliche Fügung, als er nach 18 Monaten intensiver Jobsuche einen Arbeitsplatz bekam. Während dieser Zeit stieß er auf die unterschiedlichsten Erlebnisse. »Fachlich top, aber das mit der Behinderung könnte ein Problem werden«, war zum Beispiel ein Satz, den er schon mal beim Bewerbungsgespräch zu hören bekam. Trotz allem appelliert er an Arbeitgeber, es einfach mal auszuprobieren. Diesen Satz gibt er auch allen, die sich in einer ähnlichen Situation wie er befinden, mit auf den Weg. Selbstbewusst auftreten. Warum nicht beim Vorstellungsgespräch sagen: »Sie haben doch nichts zu verlieren«, lautet sein Rat. Auch er habe anfangs seine Behinderung unter den Scheffel gestellt. Dabei hat der 40-Jährige beruflich was vorzuweisen. Zwei Ausbildungen, eine zum Redaktionsassistenten bei Radio Neckar Alb und eine weitere als Informatikkaufmann sowie ein Studium im sozialen Bereich mit einem Bachelor-Abschluss.

Die Ausbildungen bei der Deutschen Blindenakademie in Marburg und das Studium in Ludwigsburg erfolgten, als seine Sehkraft noch besser war. Diese hat sich mit der Zeit stetig verschlechtert. Heute kann der 40-Jährige nur noch hell und dunkel mit ein paar Umrissen erkennen. Eine Vernarbung der Netzhaut von außen, erklärt er seine Erkrankung. Bis vor 20 Jahren sei er noch Rad gefahren. »Das würde ich heute nicht mehr hinbekommen«, sagt er. Mittlerweile ist er auf einen Blindenstock angewiesen. Trotz seiner Behinderung bestreitet der 40-Jährige seinen Alltag in seiner Wohnung alleine. Der Haushalt sei kein Problem, sagt er. Es würde nur alles etwas länger dauern. Auch wenn sein Vertrag zum Ende des Jahres ausläuft, glaubt Klett, dass es beim Landratsamt danach weitergeht. »Man hat mir bei der Einstellung signalisiert, dass ich hier alt werden kann«, erzählt er.