REUTLINGEN. Das zweite Gesicht, das wir im Rahmen der Inklusionskampagne »duichwir – alle inklusive« porträtieren ist Erich Rosenberger. Der 55-Jährige leidet seit Jahren an einer Borderline-Erkrankung und hat über die Malerei zu sich selbst gefunden. Zu sehen sind seine Arbeiten ab kommenden Sonntag in der Kreissparkasse Reutlingen, wo er mit fünf weiteren Künstlern mit und ohne Handicap ausstellt. Eröffnet wird die Wanderausstellung um 11 Uhr. Im Leben von Erich Rosenberger lief nicht immer alles glatt. Zeitweise gab es mehr Tiefen als Höhen. Richtig aus der Bahn geworfen habe ihn 1999 eine Krebserkrankung. »Da ging es bergab«, erzählt er. 2004 kam dann noch ein Schlaganfall, der nach seinen Worten unentdeckt blieb, hinzu. Trotzdem hat er sich nie unterkriegen lassen. Einen Sinn hat sein Leben erst wieder durch die Malerei bekommen, der er sich seit 2010 intensiv widmet. Sein größter Wunsch ist es, von der Malerei leben zu können. Seine Vorstellung von Inklusion ist ein Atelier, in dem Künstler mit und ohne Handicap zusammen ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Zur Malerei ist Erich Rosenberger während einer Therapie gekommen. »Da haben sie uns gesagt, ihr müsst euch was suchen, was euch ausfüllt«, erzählt er. Seine ersten Versuche machte er mit Acrylfarbe. »Da hat es bumm gemacht«, sagt er. Von da an war er im Rausch der Farben. Das Malvirus hatte ihn regelrecht gepackt – nur nicht mit Acrylfarbe. Das war nicht das, was er wollte. »Ich wollte Eitempera«, sagt er bestimmt. Dabei handelt es sich um eine »ganz alte Malkunst«, erklärt sein künstlerischer Mentor Johannes Joliet. Während die meisten Menschen mit Mehl, Ei und Wasser eher in der Küche was anzufangen wissen, sind das die Zutaten die Rosenberger im Atelier braucht. Seine Werke sind großformatig, ausdrucksstark und, bis zu fünf Meter lang. Auf vielen seiner Werke ist ein Kreis zu sehen. »Der symbolisiert den Anfang und das Ende vom Leben«, erklärt der 55-Jährige.

Die Malerei bedeutet ihm viel. Sie hat ihn durch eine schwere Zeit getragen. Heute geht es ihm besser als vor fünf Jahren. Wenn er malt, vergisst er alles um sich herum. »Die Malerei ist mein Leben«, sagt er. Seine Bilder bezeichnet er als seine Kinder. Erich Rosenberger hat sich durch die Malerei in seiner Persönlichkeit verändert. »Er ist selbstbewusster geworden«, sagt Joliet, der die Offenheit von Rosenberger gegenüber seinen Bildern bewundert. Er habe den Mut, ein Bild immer weiter zu verändern und dabei auch mal Neues auszuprobieren, lobt der Mentor seinen Schützling. 

Zwei Tage in der Woche ist der 55-Jährige im Atelier »Halle 016« der BruderhausDiakonie in der Siemensstraße. Dafür stellt ihn die Einrichtung mit 40 Prozent von seiner Vollzeitstelle als Gärtner frei. »Teilzeitarbeit Kunst nennt sich das«, erklärt Johannes Joliet den Fachbegriff. Froh ist der Künstler über die volle Unterstützung seiner beiden Vorgesetzten in der BruderhausDiakonie, Alexander Badowski und Klaus Fischer. 
Als Gärtner möchte der 55-Jährige für den Rest seines Berufslebens aber trotz allem nicht tätig sein. Er möchte mit der Kunst sein Leben bestreiten. Denn nur beim Malen im Atelier geht Rosenberger richtig auf.  Einen Pinsel braucht er übrigens nicht. Vielmehr macht er Action-Painting. Die Farben berühren sich in der Luft und treffen erst auf der Leinwand aufeinander, was jedem seiner Bilder ihre Einzigartigkeit verleiht. Sein großes Vorbild sei der amerikanische Künstler Jackson Pollock.

Einige Abnehmer hat Erich Rosenberger für seine Werke bereits gehabt. Was ihn ärgert, ist, wenn jemand glaubt, Kunst aus den Händen eines Menschen mit Handicap, sei weniger Wert als von einem Künstler ohne Handicap. Ein Irrglaube, wenn man bedenkt, das seine Materialkosten schon zwischen 500 und 800 Euro liegen. Freuen würde er sich, wenn er häufiger die Gelegenheit bekäme, seine Werke auszustellen, etwa in öffentlichen Einrichtungen. Als nächstes plant er einen Internetauftritt. Hilfreich wäre ihm eine Person, die sich damit auskennt. Auf diese Weise könnte er sich bekannter machen. Bis jetzt nutzt er Facebook als Bühne für sein künstlerisches Schaffen.

Info: Die Wanderausstellung innerhalb der Inklusionskampagne ist bis zum 26. März in der Kreissparkasse Reutlingen am Marktplatz zu sehen.     –ach