»Es ist nicht zulässig zu vergessen, es ist nicht zulässig zu schweigen. Wenn wir schweigen, wer wird dann sprechen?« Die Worte des italienischen Juden Primo Levi, der Auschwitz überlebt hat und sich später selbst das Leben nahm, hallen nach. Geschwiegen hat am Montag jeder beim stillen Gedenken am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Grafeneck. Dorthin verlegte der baden-württembergische Landtag anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus  (die Befreiung von Ausschwitz war vor 75 Jahren) seine Gedenkstunde. 10 654 kranke und behinderte  Menschen wurden hier oben in einer Gaskammer ermordet.  

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Nachdenken über Ursprung und Bedeutung der Grundwerte
Es war ein stiller Moment  mit starken Worten und starken Redebeiträgen. Hunderte Menschen waren gekommen, um zu erinnern. Der Moment sei ein Nachdenken über Ursprung und Bedeutung der Grundwerte unserer Verfassung, sagte Muhterem Aras. Die Landtagspräsidentin  begrüßte  Mitglieder aller Landtagsfraktionen, Landrat Thomas Reumann und Bürgermeister aus der Region. Die Brenz-Band, bestehend aus Menschen mit Handicap, umrahmte die Veranstaltung musikalisch, Münsinger Schüler lasen Briefe von Angehörigen der Opfer vor, die Schauspieler Julianna Herzberg und Jan Uplegger ließen in einer szenischen Lesung grauenhafte Momente aus der Zeit lebendig werden. Gänsehaut machend schrecklich. 
Die Landtagspräsidentin begrüßte auch Vertreter verschiedener Opferverbände, lobte ihre Arbeit: »Wir brauchen ihr Engagement mehr denn je in diesen Zeiten.« Sie erinnerte an die Zeit von 1940, als hier graue Busse vorfuhren mit Menschen mit »unwertem Leben«, so die damalige Dialektik, die in der grausamen Tötungsmaschinerie der Nazis ums Leben gebracht wurden. »Kein Mensch darf  Nützlichkeitserwägungen unterworfen werden«, so Aras.  Der Ort Grafeneck sei besonders. »Er vereint Gedenken und Leben. Er ist Heimat geworden für Menschen, die damals Opfer geworden wären. Das ist ein Sieg der Zivilisation über Abwertung und Hass.« Deshalb sei Gedenken aktuell, »ist gelebter Widerstand gegen Menschenfeindlichkeit. Die Würde des Menschen, Artikel eins Grundgesetz,  gilt  bedingungslos.« Die Landtagspräsidentin überbrachte noch gute Neuigkeiten: Der Landtag erhöht die Förderung für Grafeneck von jährlich 140 000 Euro auf 220 000 Euro. Zudem unterstützt er den Umbau des Schlosses Grafeneck mit 1,4 Millionen Euro. Es ist ein  wichtiger Baustein der Erinnerungskultur. »Wir mahnen:  niemals wieder menschliches Leben für unwert zu erachten.« 
Der Vorstandsvorsitzende der Samariterstiftung Pfarrer Frank Wößner beschwor in seinem Grußwort alle,  sich mit klarem Bekenntnis zum gemeinsamen Leben mit all seiner Vielfalt zu bekennen. »Wer erinnert, stellt sich gegen das Vergessen. Es ist wichtig, dass wir alle hier sind. «
Thomas Stöckle warf einen Blick auf die noch kurze Geschichte von Grafeneck als Gedenkstätte und sprach von der Legende des Widerstands. 
Nicht weil mutig gegen das Morden in Grafeneck gekämpft worden sei, sei  es beendet worden. »Sondern weil die Zielvorgabe erreicht oder sogar übertroffen worden ist«. Er blickte in seiner Rede auf das »erinnerungspolitische Niemandsland« zurück  mit einem kleinen Seitenhieb an die Politik: Winfried Kretschmann war der erste Ministerpräsident, der Grafeneck besucht hatte – 2015. 
Mit rund 30 000 Besuchern pro Jahr sei die Gedenkstätte sehr gut besucht. Mit dem Umbau des Schlosses erhält Grafeneck noch mehr Möglichkeiten, seinem Bildungsauftrag, neben dem Erinnern nachzukommen.  
Beeindruckend gut, bedrückend,  war das, was Julianna Herzberg und Jan Uplegger vorspielten: In einer szenischen Lesung ließen sie Momente der Vergangenheit aufleben, sie machten aus Worten Bilder, die im Kopf zu  Filmen wurden. 
Man grauste, man blieb still. Es war ein großartiger Moment, diese Gedenkstunde.            -diet