Der Fußball gilt bei vielen als die schönste Nebensache der Welt. Nur Schiedsrichter will keiner mehr werden. Die Lage in der Region, wie auch im Landesverband und im gesamten DFB ist alles andere als rosig. Der Chef der Schiedsrichtergruppe Reutlingen, Philipp Herbst läutet heftig die Alarmglocken und spricht von einer »dramatischen Entwicklung«.

Hallo Philipp Herbst, warum will keiner mehr Fußball-Schiedsrichter werden?
Philipp Herbst: Weil der Schiedsrichter-Job ein viel zu schlechtes Image hat.

Woher kommt da?
Herbst: Das ist ein gesellschaftliches Problem. Es gibt eine gewisse Verrohung im Umgang untereinander, was sich auch im Fußball darstellt. Da will es sich niemand mehr antun, in seiner Freizeit zwischen den Fronten zu stehen.

Wie dramatisch ist die Situation?
Herbst: Sie ist zunehmend angespannt. In dieser Saison haben wir zehn Prozent weniger Schiedsrichter zur Verfügung. Wenn es so weiter geht, können wir in ein bis zwei Spielzeiten nicht mehr alle Jugendspiele mit Schiedsrichter versorgen.
Und bei den Aktiven?
Herbst: Sie haben Priorität, aber wenn die Masse fehlt, gibt es sicher auch da Engpässe. Momentan sind wir hier noch handlungsfähig.

Und mittelfristig?
Herbst: Da sieht es dann dramatisch aus, das betrifft aber nicht nur den Bezirk Alb. Das Problem betrifft vor allem Bezirksliga abwärts.

Wie sieht die Altersstruktur der Schiedsrichtergruppe aus?
Herbst: Sie ähnelt mehr zwei Kamelhöcker als einer Pyramide. Wir haben viele Schiris im Alter von 16 bis 24 sowie von 55 bis 70. Es fehlen die dazwischen. Sie wollen wir ansprechen.

Warum soll jemand Schiedsrichter werden?
Herbst: Weil es eine tolle Aufgabe ist, die viel Spaß macht. Man ist als Manager für den korrekten Ablauf des Spiels zuständig, hat also eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Die Aktivität als Schiedsrichter bildet den Charakter, man muss Entscheidungen treffen und dazu stehen. Man lernt den Umgang mit anderen. Das nutzt einem auch privat.

Wenn eine Fee kommt und Sie einen Wunsch frei hätten: Was würden sie sich wünschen?
Herbst: (lacht) Dass sich mehr aktive Fußballer nach dem Ende ihrer Karriere bei uns melden und als Schiedsrichter weiter machen. Sie können ihre Erfahrung nutzen und dem Spiel dienen. Außerdem: Wenn sich viele melden, wird die Belastung für den Einzelnen geringer.

Interview von Dieter Reisner

Die Schiedsrichtergruppe Reutlingen führt ab dem 27. Februar beim VfL Pfullingen einen Lehrgang für Schiedsrichter-Anwärter durch. Teilnehmen können alle Fußballbegeisterten ab einem Alter von 14 Jahren. Anmeldeschluss: 20. Februar.

www.srg-reutlingen.de