REUTLINGEN/REGION. Was zu viel ist, ist einfach zu viel: Allein im vergangenem Jahr kam es zu 195 Angriffen gegenüber Polizisten - Tendenz steigend. Das soll sich mit Einführung der Bodycam ändern. Vergangene Woche wurde die kleine handliche Kamera praktisch und in einem Video präsentiert. In dem kleinen Filmchen ist eine Szene nachgestellt, in der ein alkoholisierter Mann in einem Wohngebiet herumgrölt. Die Beamten gehen auf ihn zu und ermahnen ihn wegen seines Verhaltens. Als das nicht zieht und der Vorfall zu eskalieren scheint, sagt einer der Beamten: »Ich schalte jetzt die Kamera ein«. Nach einem deutlich hörbaren Klick wird die Situation aufgenommen. Sollte es währenddessen zu einer Straftat kommen, dienen die Aufnahmen der Staatanwaltschaft möglicherweise als Beweismittel. »Ansonsten werden die Aufnahmen nach vier Wochen gelöscht«, sagt Michael Simmendinger. Für den Leiter des Polizeireviers Reutlingens ein Schritt in die richtige Richtung. Denn die zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber seinen Kollegen - besonders denen im Streifendienst - erfordert Handlungsbedarf.

Positive Erfahrungen

»Wir erhoffen uns viel vom Einsatz der Bodycams«, so Simmendinger. Die kleinen Kameras, bei denen der präventive Charakter primär im Vordergrund steht, sind beispielsweise in Hessen, Rheinland-Pfalz, in Bremen und bei der Bundespolizei bereits im Einsatz. Und die Kollegen geben durchaus ein positives Feedback ab. Dabei läuft die Kamera nicht ständig, aber schon allein die offene Tragweise scheint zu wirken. »Ein gewisser Respekt sei schon da«, so Simmendinger. Allerdings ist auch festzustellen, dass bei völlig Besoffenen oder unter Drogeneinfluss stehenden Personen die Kamera keine Wirkung hat.

Sicherheit, Daten und Kosten

Das kleine kompakte und robuste Gerät verfügt über einen zwölf Stunden Akku und zwei Audiokanäle. Die maximale Aufnahmelänge in HD-Ready-Qualität beträgt ebenfalls zwölf Stunden. Des Weiteren hat das Gerät einen fest eingebauten Speicher. Sollte ein Beamter das Ding verlieren und Otto-Normalverbraucher die Kamera finden, kann er nichts damit anfangen. Die Kamera samt Software liefert die amerikanische Firma Axon. Der Server steht aber nuicht in den USA, sondern auf dem Dach des Reutlinger Reviers. Das sogenannte »geschlossene System« ist nur für die hiesige Polizei zugängig. Falls es zur Aufnahme kommt und keine Straftat dahinter steckt, können dem Betroffenen Einblicke gewährt werden. Wenn das gewünscht wird, muss derjenige zeitnah eine E-Mail ans Beschwerdemanagement der Polizei schicken. Nach vier Wochen werden die Daten gelöscht. Die Anschaffungskosten für die 138 Bodycams liegen bei 300 Euro pro Stück.

Schulungen und Einsatz

Die überwiegend im Streifendienst eingesetzten Beamten wurden umfassend geschult. Rechtliche Voraussetzungen, Einsatztaktik und Handhabung sitzen. Nun muss sich zeigen, wie die neue Methode in der Praxis funktioniert. Joana Häcker und Markus Brändle vom Reutlinger Revier sind optimistisch. Beim Pressetermin demonstrierten beide die Handhabe. Die Kamera läuft nicht ständig. Die Beamten entscheiden selbst, wenn gefilmt wird. Es kann auch keine Privatperson, die zufällig auf einen Beamten mit Kamera trifft, selbigen dazu auffordern zu filmen. Ausnahmen gibt es auch, denn filmen ist bei Demonstrationen, in Gaststätten, Versammlungsräumen und privaten Wohnzimmern absolut tabu.                                                                                                                                                                          –pi

Erklärung der Polizei: Die landesweite Einführung der Bodycam ist ein wesentlicher Baustein der landesweiten Strategie zur Reduzierung der Angriffe und Gewalttätigkeiten gegenüber Polizeibeamten, die auf den drei Säulen »Anerkennung/Respekt«, »Prävention/Handlungssicherheit« und »konsequente Strafverfolgung« beruht. Bereits die Erprobungsphase im Jahr 2017 zeigte, dass der Einsatz der Bodycam grundsätzlich dazu geeignet ist, Konfliktsituationen zu entschärfen und aggressives Verhalten gegenüber den Einsatzkräften zu reduzieren. Sollte es dennoch zu einem Angriff kommen, können die Aufnahmen darüber hinaus auch als Beweismittel in ein Strafverfahren eingebracht werden.