REUTLINGEN. Ganz im Zeichen von Innovationen stand der Montagabend in der Stadthalle Reutlingen. Beim gemeinsamen Neujahrsempfang von IHK und Handwerkskammer trafen sich die in den beiden Wirtschaftskammern engagierten Unternehmerinnen und Unternehmer mit Vertretern der regionalen und lokalen Politik, Wissenschaft und öffentlichem Leben. Rund 800 Gäste nahmen teil, um beim  erstmals als Stehempfang ausgerichteten Treffen gemeinsam ins Gespräch zu kommen. 


Für einen Impuls zum Einstieg sorgte Dr. Klaus-Michael Mayer. Der Vice President Future Research and Technology Strategy der Robert Bosch GmbH sprach von Mega-Citys und Mega-Trends die uns in nicht allzuferner Zukunft beschäftigen werden. Immer wieder stand der Globalplayer China im Fokus, aber auch der beinahe »ungebremste« Bevölkerungszuwachs in Afrika gibt Anlass zur Sorge. Denn all die Menschen brauchen Wohnraum und Arbeit. Ausführlich erläuterte Mayer in seiner Power-point-präsentation, wie sich das »Rad der Welt« dreht beziehungsweise wie alles zusammenhängt. Um das Rad »in der Spur zu halten« müsse aber rasch gehandelt werden. Denn klimatische Verbesserungen entstehen nicht von selbst – passende Rahmenbedingen für »Lebend in der Zukunft« auch nicht. »Für die Automobilindustrie werden die nächsten fünf Jahre spannender als die letzten 50«, so Mayer. Autonomes Fahren, staufreie Innenstädte und nicht zuletzt Künstliche Intelligenz (KI) werden ihren Platz einnehmen, davon ist der Spezialist überzeugt. 


IHK-Präsident Christian O. Erbe sieht das genauso. Als Geschäftsmann kommt er viel rum in der Welt. Immer wieder sei ihm die Offenheit für Fortschritt und Forschung anderswo aufgefallen. Hierzulande vermisse er das. »Ich wundere mich, wie leise wir als Unternehmer sind« und fügte hinzu: »Es bewegen sich viele Dinge aber leider in die falsche Richtung«. Erbe sprach von Radikalisierung in unserem Land, von der er allerdings kein Freund sei, die aber manchmal zum Handeln zwinge. Ein dringender Appell ging an die anwesenden regionalen Bundestagsvertreter, denn in Berlin müssen schnellere Rahmenbedingungen geschaffen werden. »Wenn wir Unternehmen jetzt nicht handeln, dann leisten wir aktive Sterbehilfe für unsere regionale Wirtschaft«.

 
Beim anschließenden Talk mit Christian O. Erbe, Harald Herrmann, Präsident der Handwerkskammer Reutlingen, mit Prof. Dr. Katja Schenke-Layland, Institutsleiterin am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut und Dr. Klaus-Michael Mayer stand einmal mehr die Künstliche Intelligenz im Mittelpunkt. Schon heute nutzen viele Alexa & Co. Im Cyber Valley in Tübingen wird daran geforscht und Bosch ist mit dabei. Mayer sieht gute Chancen die Schlüsseltechnologie in der Region zu etablieren. Für den IHK-Präsidenten steht die Richtung außer Frage, wohlwissend, dass viele Menschen in Tübingen dem Ganzen skeptisch gegenüberstehen. »Dort nehmen Kritik und Angst zu, wie sich beim Widerstand gegen die Ansiedlung von Amazon zeigt«. Auf die Frage von Moderatorin Julia Bauer, wie das Handwerk mit den enormen Veränderungen umgehe, verweist Harald Hermann auf die unterschiedlichen Strukturen. »Wir müssen uns anpassen an das was die Industrie uns liefert. Und das müssen wir relativ schnell machen«. Der Präsident der Handwerkskammer blickt optimistisch nach vorn und sagt: «Ich habe als Handwerker vor dieser Entwicklung keine Angst«. Gabi Piehler