REUTLINGEN. Es ist traditionell jedes Jahr wieder der erste Neu-jahrsempfang, der in Reutlingen über die Bühne geht: Am Montagabend letzter Woche hatte die Kreishandwerkerschaft geladen, um Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu empfangen. Bevor der Kreishandwerksmeister auf die wirtschaftliche Situation weltweit, im Land und auch in der Region einging, spielte die Band »23b« mit klassischem Pop auf. Danach hatte Dieter Laible zudem Erfreuliches zu berichten: »Die wirtschaftliche Entwicklung im vergangenen Jahr hat sich nahtlos an die Vorjahre angeschlossen – in weiten Teilen des Handwerks haben wir weiterhin Hochkonjunktur.« Allen anderen voran zeige sich das Baugewerbe als »Zugpferd«, denn besonders im Wohnungsbau seien »die Kapazitäten meist ausgeschöpft, unsere Betriebe sind sehr bemüht, alle Kunden zufriedenzustellen«, so Laible. Insgesamt sei die Binnennachfrage in allen wirtschaftlichen Bereichen weiterhin hoch, »das kommt dem Handwerk als regionalem Anbieter und Dienstleister entgegen«, betonte der Kreishandwerksmeister.

Weltweit gebe es aber auch »eine Vielzahl wirtschaftlicher Risiken« wie den Brexit, Handels-Dissonanzen zwischen USA, China und Europa, »Haushaltsprobleme in Italien oder auch in Frankreich«. In Deutschland hingegen herrsche vor allem im Handwerk Zufriedenheit aufgrund der vollen Auftragsbücher. »Es ist menschlich sehr gut nachvollziehbar und verständlich, wenn man sich angesichts dieser guten gesamtwirtschaftlichen Situation zurücklehnt.« Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass die Ursachen für die positive Entwicklung vor allem auf die Agenda 2010 und die Steuersenkung 2008 zurückzuführen sei, wie Laible ausführte. Trotz aller positiven Töne gebe es aber auch Probleme: Die Energieversorgung in Deutschland sei ei-nes, laut Dieter Laible passe die Orientierung in Richtung Elektromobilität und die Abschaltung von Atom- und Kohlekraftwerken nicht zusammen. »Die Kuh, die man melken will, soll man bekanntlich nicht schlachten«, sagte Laible. Er wolle die »Fehler der Automobilkonzerne damit nicht entschuldigen, allerdings werden wir die Wertschöpfung aus diesem Bereich nach wie vor dringend benötigen, um die Zukunftsaufgaben lösen und finanzieren zu können«.

Dieter Laible sprach mit der »Sicherung unserer Ge-sundheitsversorgung und unseres Sozialsystems mit einer auskömmlichen Altersversorgung« aber auch »die anderen großen Zukunftsaufgaben« an. Dabei seien »nachhaltige Lösungen nicht in Sicht, stattdessen folgen kurzfristige Reformen«. Zudem sei Deutschland auch im Bereich der Digitalisierung »bestenfalls internationales Mittelmaß« - vor allem angesichts von Meldungen, dass das deutsche Mo-bilfunknetz langsamer sein soll als in Albanien, wie der Handwerksmeister ausführte. Andere Probleme seien nicht gelöst wie die Nach-wuchs- und Fachkräftesicherung, die laut Laible auch 2019 »eine der zentralen Aufgaben des Handwerks« sein werde. Zu diesem Punkt referierte an diesem Abend auch Gastredner Christof Röttger vom »Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung« in Nürnberg: Nach seinen Ausführungen konnten im vierten Quartal 2017 in Deutschland 1,4 Millionen offene Stellen nicht besetzt werden. Die Folge davon: Firmen, Betriebe und Unternehmen können ihren Fachkräftebedarf nicht mehr regional decken, sie müssten überregional, viele sogar schon längst international suchen. 

Abzusehen sei jetzt schon, dass bis 2030 die Zahl der Erwerbstätigen von heute rund 47 Millionen auf 41,5 Millionen sinken werde. Noch drastischer ent-wickle sich die Situation bis zum Jahr 2060: Dann gebe es in Deutschland bei der weiterschreitenden jetzigen Entwicklung nur noch 31 Millionen Erwerbstätige. Gegenmaßnahmen könnten nur ergriffen werden, wenn laut Röttger mindestens 400 000 Zuwanderer pro Jahr aus dem Ausland die Lücken füllen würden. »Das halte ich allerdings für unrealistisch«, so der Forscher. Also müssten sich auch angesichts der Digitalisierung sowohl die Arbeitszeiten wie auch die Qualifikationen der Beschäftigten ändern: »Weiterbildung wird künftig eine zentrale Aufgabe für alle Erwerbstätigen sein«, egal ob im Bereich der Ungelernten, der gering Qualifizierten oder auch bei Fachkräften und Spezialisten, so Röttgers Fazit.                                              –nol