BALINGEN. Der Neujahrsempfang von IHK und Handwerkskammer fand nicht wie gewohnt in Reutlingen, sondern erstmals im Zollernalbkreis statt. Und so trafen sich in der Balinger Stadthalle vergangenen Mittwoch rund 400 Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik. Im Mittelpunkt des Abends stand die aktuelle Flüchtlingspolitik. Für musikalische Highlights zwischendurch sorgte der Chor »Voices«.

Da diesmal kein Festredner geladen war, gab es auf der Bühne zwei Talkrunden mit unterschiedlichen Gästen. In der ersten Runde traf Moderator Nikos Andreadis auf Handwerkspräsident Harald Herrmann, IHK-Präsident Christian Erbe und Zollernalb-Landrat Günter-Martin Pauli. Letzterer hatte dazu sehr viel zu sagen, gehört doch die Landeserstaufnahmestelle Meßstetten mit über 800 Asylsuchenden zum Zollernalbkreis. Die große Zahl der Neuankömmlinge stellt für den eher ländlich geprägten Raum eine echte Herausforderung dar. Pauli plädiert für mehr Pragmatismus und weniger Papierkram. »Wenn wir es schaffen wollen, müssen wir mehr tun«, sagte Pauli und fügte hinzu: »Um die Menschen echt integrieren zu wollen, braucht es etwas mehr als ein Dach über dem Kopf und Taschengeld«. Darüber sind sich auch Harald Herrmann und Christian Erbe einig. Für Herrmann, der viele junge Flüchtlinge in eine Ausbildung bringen will, liegt der Schlüssel in der Sprache. Hier müsse seiner Meinung nach viel mehr passieren. Deshalb kooperiert die Handwerkskammer gemeinsam mit den Landkreisen und den Arbeitsagenturen, um das Ganze »vorwärts« zubringen. 

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Da Anspruch und Realität aber weit auseinander gingen, werde es bestimmt fünf bis acht Jahre dauern, aus ihnen erfolgreiche Facharbeiter zu machen. Alles andere sei Augenwischerei. Das hohe Niveau, welches hierzulande an Fremde gestellt wird, kennt auch Christian Erbe nur zu gut. In der momentanen Situation bestehe allerdings die Gefahr, das viele der Neuankömmlinge lieber einen Bogen um eine Ausbildung machen und stattdessen einen Job auf Mindestlohnniveau annehmen. Dennoch sieht Erbe in der jetzigen Situation eine große Chance. In Hinblick auf den großen Fachkräftemangel könnten jene, die in der Lehre erfolgreich Theorie und Praxis meistern, die Fachkräfte von morgen sein – freie Ausbildungsplätze gibt es mehr als 600.

Viel zu bürokratisch

Schulleiter Hans Joachim Stark, der neben Hotelier Rainer Autenrieth und Claudia Sander vom Ammerbucher Arbeitskreis Asyl in der zweiten Talkrunde Platz nahm, weiß über den Bildungsstand der Ankommenden genau Bescheid. Der könne unterschiedlicher kaum sein. Manch einer habe noch nie eine Schule von innen gesehen, andere hätten einen High School-Abschluss in der Tasche. An seiner Schule gibt es jetzt eigens dafür eine »Klasse zur Vorqualifizierung für Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse«, die – wie die vielen Wörter schon sagen - zum einen ziemlich Deutsch sei, zum anderen aber helfen soll, schneller ans Ziel zu kommen. Am Ziel angekommen sind drei junge Flüchtlinge, die Jürgen Autenrieth ausbildet. Der Gastronom berichtete nur Positives. Für die dritte im Bunde, Claudia Sander, ist die ganze Diskussion zu bürokratisch. Sander appelliert an die Arbeitgeber, die Menschen praktisch »mitzunehmen«. Denn viele, die gar nicht wissen, ob sie hier bleiben dürfen, wollen »zwischendurch« einfach nur arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen. Gesprächsstoff gab es also genug. Im Anschluss an die Talkrunden nutzten viele die Gelegenheit, um bei Häppchen und diversen Getränken die aktuelle Situation zu diskutieren.