REUTLINGEN. »Es wird knirschen die nächsten Jahre«, machte Prof. Wilhelm Bauer die rund 400 Gästen aus Wirtschaft und Kultur beim Neujahrsempfang der beiden Reutlinger Kammern neugierig. Im Brennpunkt seines Vortrags in der Stadthalle stand die Mobilität der Zukunft, Bewegung in Richtung eines digitalen und multimobilen Zeitalters. Für den geschäftsführenden Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation in Stuttgart wird sich die Mobilität massiv verändern, der technologische Wandel in der Automobilbranche extrem schnell vollziehen. Welche Technologie sich am Markt auch durchsetze, sie müsse »erforscht, entwickelt und produziert« werden, ist der Maschinenbauingenieur Jahrgang 1957 überzeugt.

Wegweisende Konzepte

Sei es bezüglich neuer Standards der Zukunft, neuer Transportsysteme sowie Mobilitätskonzepte im Personen- und Güterverkehr. »Großartige Ideen für große Innovationen« stellte Bauer vor unter anderem Elon Musk’s Hyperloop, Flugtaxi Volocopter, Drone Logistics, neue Fahrzeugtypen und E-Trucks. Bauer, auch Technologiebeauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg, zeigte wegweisende Konzepte und Innovationen zu Individual und Smart Mobility, digitalen und Sharing Services, flexiblen Logistiklösungen und 3D-Mobilität. »Wir müssen durch Innovation die ersten sein«, spornte er an. Auch für Harald Herrmann, Präsident der Handwerkskammer, ist autonome Mobilität neben Verkehrsdichte und Antriebssystem eines der großen Themen der Zukunft. Sie bringe zwangsläufig weitreichende Veränderungen in vielen Bereichen der Wirtschaft mit sich. Seinen Ausführungen nach entwickelte sich nicht nur die Wirtschaft im vergangenen Jahr positiv. Die Betriebe waren ausgelastet, die Arbeitslosenquote lag bundesweit durchschnittlich bei fünf Prozent, in Baden-Württemberg bei nur drei Prozent. Erkennbar sei neben einer hohen Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen die dringende Notwendigkeit ausgebildeter Facharbeiter.

Im baden-württembergischen Handwerk stieg erfreulicherweise der Umsatz stärker als erwartet, brachte aber die Betriebe an ihre Kapazitätsgrenze. Fachkräftemangel und Ausbildung - ohne Zuwanderung könne der nötige Bedarf nicht gedeckt werden. Eine schwierige Situation, die die Politik fordere. »Wir brauchen eine Politik der klaren Linien und klaren Sprache, die sachorientiert die bevorstehenden Veränderungen anpackt und praxisorientierte Lösungen anbietet, aber bitte ohne dass die bereits vorhandene und belastende Bürokratie weiter vorangetrieben wird«, stellt Herrmann klar. Er hält es auch für notwendig, sich über die vorhandenen Strukturen der Europapolitik Gedanken zu machen. »Führende EU-Politiker müssen auf Grund der aktuellen Differenzen innerhalb Europas sich endlich selbstkritisch die Frage stellen, ob der aktuelle Kurs noch zeitgemäß ist«. IHK Vizepräsident Dr. Hans-Ernst Maute findet, dass in Deutschland wenig von Stolz und Zuversicht zu spüren sei, dass Frust, Verzagtheit und Zukunftsangst dominieren. Was wir brauchen, sei eine Kultur des Mutes und Kultur des Optimismus und wieder mehr Zuversicht. Und dabei ein Vorbild für Unternehmen sein, was Mut, Zuversicht und Innovationsbereitschaft betreffe. –bim