Es ist ein ambitioniertes Ziel: 100 neue Arbeitsplätze im regulären Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung will die Inklusionskonferenz des Landkreises Reutlingen in den nächsten fünf Jahren schaffen. Jetzt hat sie mit »plusEinhundert – Netzwerk Arbeit inklusiv« eine neue Initiative gestartet – und ein Beispiel für gelungene Inklusion vorgestellt. 

REUTLINGEN. Sie habe nie etwas von Skepsis oder Vorurteilen mitbekommen, erzählt Heike Dorn und auch Waltraud Weinlich, die bei der Firma Med Con für das Personal zuständig ist, bestätigt, dass es keinerlei Probleme gebe. Heike Dorn ist eine ganz normale Mitarbeiterin der Firma, die Rückholaktionen für erkrankte und verletzte Mitarbeiter und Versicherte aus dem Ausland organisiert. Im April 2015 hat sie ein Praktikum begonnen und seit Oktober hat sie eine unbefristete 100-Prozent-Stelle. Dennoch ist etwas anders: Heike Dorn leidet unter Anorexie – im Volksmund besser bekannt unter dem Begriff Magersucht. Auch wenn dies medizinisch nicht ganz korrekt ist. Denn Anorexie bedeutet den Verlust des Appetits oder des Verlangens nach Nahrung. Bei länger anhaltender Krankheit kommt es zu schweren körperlichen Schäden.
»Auch wenn Frau Dorn einen Behindertenausweis hat, heißt das ja nicht, dass sie die Tätigkeit bei uns nicht gut ausführen könne«, sagt Geschäftsführer Michael Weinlich und schwärmt von ihrer Arbeit. Sie spricht englisch und französisch fließend, dazu ein wenig spanisch und wird immer wieder um Rat und Übersetzungen gefragt. Heike Dorn ist ein Beispiel, bei dem es gelungen ist, einen Arbeitnehmer mit Behinderung und einen Arbeitgeber mit Inklusionswillen zusammenzubringen. Vor ihrer Tätigkeit bei Med Con hat Heike Dorn im inklusiven Café Nikolai der BruderhausDiakonie gearbeitet. »Im Café war es auch schön, aber das war mir irgendwann zu wenig. Die Gehirnzellen waren überhaupt nicht gefordert«, sagt sie. Daher hat sie immer wieder Praktika absolviert. Der Kontakt zu Med Con enstand über den Integrationsfachdienst. Dieser geht aktiv auf Betriebe zu und versucht gemeinsam mit den Arbeitgebern Stellen zu finden, in denen Menschen mit Behinderung eingesetzt werden können. Dabei stoßen die Mitarbeiter des Integrationsfachdienstes auch immer wieder auf Unsicherheiten oder Vorurteile von Seiten der Betriebe. »Es wird gedacht: Schwerbehinderte sind öfters krank oder nicht leistungsfähig. Dabei gibt es keine einzige Studie, die das belegt«, sagt Rainer Dibbernvom Integrationsfachdienst. 
Die Firma Med Con hatte von Beginn an keinerlei Bedenken. Und so sitzt nun Heike Dorn in der Alarmzentrale des Unternehmens und nimmt Notrufe entgegen. Der Job mache ihr sehr viel Spaß und gebe ihr noch mehr: »Dass ich zurück auf dem Arbeitsmarkt bin, hilft mir auch, mich selbst wieder besser zu fühlen.«
Insgesamt 100 solcher Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung soll die Initiative »plusEinhundert – Netzwerk Arbeit inklusiv« in den nächsten fünf Jahren schaffen. Integrationsfachdienst, IHK, Handwerkskammer, Agentur für Arbeit, Inklusionskonferenz sowie der Landkreis Reutlingen haben sich dazu in einem Netzwerk zusammengeschlossen. »Bei der Teilhabe am Arbeitsmarkt muss man noch eine Schippe drauflegen. Dabei lohnt es sich auf die Stärken der Menschen zu schauen und nicht nur auf die Schwächen«, sagt Susanne Blum von der Inklusionskonferenz und appelliert an die Betriebe, es einfach mal auszuprobieren, beispielsweise mit Praktika. »Der Weg von den Werkstätten zum regulären Arbeitsmarkt ist inzwischen so gut begleitet, dass es überhaupt kein Risiko mehr gibt. Mir ist gar nicht klar, ob das alle Arbeitgeber wissen«,so Blum.
Das bestätigt auch Med-Con-Geschäftsführer Michael Weinlich. Aus Arbeitgebersicht sei die ganze Prozedur sehr einfach gewesen, schwärmt er: »Der Service ist hervorragend. Wir hatten immer einen Ansprechpartner für alle Fragen und es gab keine bürokratischen Hürden. Es war wie wenn ein Mitarbeiter mit der Couch gebracht wird.«