GOMARINGEN. Das nach Triumph und Schiesser drittgrößte Mieder- und Wäsche-Unternehmen Naturana feiert am 10. Juli sein 100-jähriges Jubiläum. Bei der Auftaktveranstaltung letzte Woche war einiges geboten: Einen detaillierten und chronologisch aufgebauten Überblick über das, »was Frau das letzte Jahrhundert so alles darunter trug«, stellten Susanne Goebel und Kerstin Hopfensitz im achten Stock der Geschäftsstelle vor.


Dabei wurde deutlich, dass auch anhand der Betrachtung von Unterwäsche die jeweiligen gesellschaftlichen Konventionen gut abzulesen sind: Brustattrappen, »so aufwendig wie Brückenkonstruktionen«, Brustplätter der 20er-Jahre, »als die Frauen modisch bedingt ein eher androgynes Äußeres verfolgten«, anschließend an diese Modeerscheinung kamen Büsten-Füller voller Rüschen, »die mehr vermuten lassen, als sich wirklich im BH befindet«, so die Kulturwissenschaftlerinnen.

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Goebel führte weiter aus, » in Zeiten des Nationalsozialistischen Deutschen Reiches galt wieder das Bild der weiblichen und fruchtbaren Mutter als vorteilhaft« und in den 68ern habe es dann kurz eine kleine Krise bei den Miederherstellern gegeben, da die Emanzipation der Frauen Barbusigkeit forderte. Aber auch darauf habe sich Naturana schnell eingestellt und fast unsichtbare Dessous entwickelt, die sich kaum mehr abzeichneten unter einem engen Kleid oder einer Bluse, so Hopfensitz.


Und auch heute wird reagiert mit Blick in die Zukunft: Bauliche Maßnahmen sind zum Teil schon geschehen. Außerdem plant das Unternehmen auf der Etage seines Fabrikverkaufs ein Museum. Auf einem Rundgang können Besucher in Zukunft dort einen Zeitstrahl entlang gehen und nachvollziehen, was seit der Befreiung vom Korsett durch Firmengründer Karl Dölker alles passiert ist. Die Firmenchronik, so wie sie von Goebel und Hopfensitz vorgestellt wurde, ist dann anhand der Originalbeispiele in den Vitrinen erlebbar.
Ulf Hofmann, Peter Hack und Andreas Höschele sind die drei Geschäftsführer der Naturana Dölker GmbH & Co. KG.

Das Unternehmen mit Sitz in Gomaringen, 1917 von Karl Dölker gegründet, beliefert inzwischen große und bekannte Ketten wie etwa Real und C&A mit seinen Produkten. »Dort allerdings werden sie unter dem Titel der jeweiligen Hausmarke verkauft«, erklärte Hofmann später. Auch Bademode stellt Naturana her. Neu ist das erworbene Zertifikat für Feinstrumpfwaren. Auch das neue und exklusivere Label »Blue Line« soll bald auf den Markt kommen. 


»Im Fachhandel laufen die Produkte dann aber unter dem Namen Naturana«, so Hofmann. Zwar ließe das Unternehmen inzwischen rund 90 Prozent seiner Ware in Asien herstellen, »trotzdem verlassen auch hier in Gomaringen täglich rund 20 000 Pakete das Haus, mit jeweils 5 000 Päkchen drin«, sagt Höschele.


Bevor er vor einem Jahr Geschäftsführer von Naturana wurde, war er selbiges beim Dessous-Hersteller »Susa«. Hier bei Naturana löst er Burckhard Weise ab, der sich nun zum großen Jubiläum in Rente begibt. »Wir haben Lust auf die Zukunft«, ließ Höschele verlauten und betonte, dass hierfür auch investiert werde. Dabei sei das Miederunternehmen von keiner Bank abhängig und stämme alles durch Eigenkapital.

»Unser Anspruch ist es, weiter zu bestehen, trotz des extremen Drucks durch den Online-Handel und auch die immer stärker werdende Verdrängung des klassischen Fachhandels«. Auch soziales Engagement kam bei der Jubiläumsfeier an die Reihe: Einen Scheck in Höhe von 4 000 Euro erhielten Regine Kottmann und Petra Sartingen und ihr Verein »Tübinger Initiative für Mädchenarbeit (TIMA)«. Dieser setzt sich seit über 27 Jahren für die mädchenstärkenden Gewaltprävention ein und widmet sich Menschen mit Essstörung.


Kottmann und Sartingen stehen Jugendlichen zur Seite und betreiben auch Aufklärungsarbeit in Schulen. So wie es Naturana den Frauen mit dem Slogan »Für jede Figur« verlauten lässt, liegt es auch den beiden Sozialarbeiterinnen am Herzen, jedem Mädchen klar zu machen »Du bist wertvoll, so wie du bist«.