REUTLINGEN. Die Nachmittagssonne ließ die gläsernen Biberschwanz-Ziegel in hellem Licht erstrahlen, als die Musterfassade in der Oberamteistraße kürzlich enthüllt wurde. Rund einhundert Interessierte konnten einen ersten Blick auf zwei mögliche Varianten der Glasfassade des geplanten Neubaus erhaschen.

Ort der Erinnerung

Im unteren Teil die teurere Variante, bei der die Biberschwanzziegel von senkrechten Glasschwertern mit Metallstreben getragen werden und im oberen Teil die kostengünstigere Variante, bei der die Ziegel einzeln in eine Lattenkonstruktion eingehängt werden. Durch die Verwendung von Eiche, soll die Holzkonstruktion später allerdings filigraner wirken, als jetzt zu sehen. Es soll ein Ort der Erinnerung werden – und ein Ort der Stabilität. Denn die Häuser in der Oberamteistraße 28-32 neigen sich immer mehr zur Seite, nachdem das Eckhaus 1972 abgerissen wurde – der Einsturz drohte. Eine Sanierung allein würde nicht reichen, die Statik macht einen Neubau erforderlich, der die benachbarten Gebäude abstützt«, erklärt Oberbürgermeisterin Barbara Bosch im Vorfeld der Enthüllung im Sitzungssaal des Rathauses.

Historische Fachwerkzeile

In der Oberamteistraße findet sich eine der ältesten zusammenhängenden Fachwerkfassaden Süddeutschlands. »Hier findet sich ein reichhaltiger historischer Fundus, der es Wert ist, erhalten zu werden«, sagt Architekt Professor Tobias Wulf, der zusammen mit Elke Nagel vom Architekturbüro Strebewerk aus Stuttgart den Ideenwettbewerb für den Neubau gewonnen hat. Für Stabilität soll ein Geflecht aus dreieckigen Streben sorgen, das an ein historisches Fachwerk angelehnt ist. Eine halbdurchsichtige Fassade aus Glasziegeln soll mit einem schemenhaft verschwommenen Blick auf das Innere Interesse wecken - ein Museum, das die einzelnen Epochen zeigen soll, die das Haus erlebt hat.

»Jeder Nutzer hinterlässt seine Spuren«, sagt Architektin Nagel. Jede Epoche verwendete andere Materialien und Bautechniken. Auch jede Änderung der Nutzung habe ihre Spuren hinterlassen. Mit archäologischen Untersuchungen und Recherche in den Stadtarchiven werde in detektivischer Kleinstarbeit die Geschichte der Gebäude zutage gefördert. Dabei wird jeder Schritt dokumentiert und auf der Homepage der Stadt gezeigt. Am Ende soll ein Museum entstehen, dass in jedem Raum ein anderes bauliches Thema zeigen wird. »So kann man die einzelnen Epochen mit allen Sinnen erleben«, sagt Nagel. Der Baubeschluss soll in der ersten Jahreshälfte 2020 ergehen. »Bis zur Fertigstellung werden aber dann noch sicher zwei Jahre vergehen«, meint OB Bosch. Vor Baubeginn müssen erst die benachbarten Häuser saniert werden. Die Kosten seien in so einem frühen Stadium noch nicht absehbar.    

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