Jetzt gibt’s die Bürger-App. Ab sofort haben rund 78 000 Tübinger Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren die Möglichkeit, ihre Meinung auf dem Weg digitaler Medien wie Tablet oder Smartphone zu äußern. Es ist die bundesweit erste Bürgerbefragung dieser Art, Themen sind aktuell das geplante neue Hallenbad, der Erhalt des Uhlandbads und der eventuelle Bau eines Konzertsaals. Die Bürger-App Tübingen kann im Google Play Store und im App Store von Apple heruntergeladen werden. »Nur alle fünf Jahre den Gemeinderat wählen zu dürfen, ist vielen Menschen zu wenig«, erklärte Oberbürgermeister Boris Palmer, ein Freund und Befürworter des App-Fortschritts. Schöne neue Welt! Erstens: Jeder Nutzer (nicht nur) dieser App sollte überlegen, ob er sich in die Werbefallen des Google-Konzerns begeben will, der nach der Auswertung seiner Daten-Depots dann via Facebook Bademoden oder CDs der Wiener Philharmoniker auf Smartphones von Tübingern anpreist. Zweitens: Es mag zwar verlockend sein, wenn jeder glaubt, sich kurzentschlossen so mal eben in das kommunalpolitische Tagesgeschäft einblenden zu können, doch mit Meinungsbildung hat das wenig zu tun. Denn für die braucht es Informationen, die die oft komplexen Zusammenhänge erklären und ausleuchten: welche Alternativen gibt es zu einem Projekt, welche Auswirkungen hat es auf die Bevölkerung, die Umwelt, wie hoch sind die Kosten? Die App verleitet nur dazu, sich spontan zu artikulieren. Sie ist eine Spielwiese und täuscht Bürgerbeteiligung vor, die aber wirkungslos bleiben muss, weil für die politische Willensbildung nach wie vor ausschließlich Wahlen zuständig sind. So ist der Gemeinderat zustande gekommen. Alle sind gut beraten, an dieser Form der Bürgerbeteiligung festzuhalten.     –jos