Amazon kommt nach Tübingen. Zumindest deutet vieles darauf hin, nachdem der Planungsausschuss des Gemeinderats diesem mehrheitlich empfohlen hat, der Verlängerung der Kaufoption des Weltkonzerns auf ein Grundstück im Wissenschafts- und Technologiepark zuzustimmen. 
Am heutigen Donnerstag entscheidet das Gremium darüber, ob Amazon für seine Pläne eine Fristverlängerung bis Oktober 2019 erhält, sich im Tübinger »Cyber-Valley« auf der Oberen Viehweide einzukaufen. Die Zeit bis dahin würde reichen, das Geschäft abzuwickeln. Vielerorts hat sich der Einzelhandel wegen des wachenden Einflusses des Online-Riesen verändert: Geschäfte mit teils langer Familientradition müssen schließen. Bei der Gewerbesteuer und der Körperschaftssteuer nutzte Amazon über Jahre Steuertricks. Die Jobs bei Amazon sind miserabel bezahlt, die Arbeitsbedingungen oft unzumutbar. Amazon-Dependancen erhielten wegen Verstößen gegen geltendes Recht beim Datenschutz und im Arbeitsrecht »Big Brother Awards«. Die Negativpreise werden an Unternehmen verliehen, die in besonderer Weise und nachhaltig die Privatsphäre von Personen beeinträchtigen oder Dritten persönliche Daten zugänglich gemacht haben.
Der Internetriese vertreibt die Live-Gesichtserkennungssoftware Rekognition. Diese ermöglicht die Massenüberwachung durch Regierungen und verletzt Bürgerrechte. Niemand kann kontrollieren, ob Käufer das System rechtskonform einsetzen. Es ist nicht auszuschließen, dass es nicht nur Straftäter, sondern auch Unschuldige erfasst. Das haben US-Bürgerrechtler der American Civil Liberties Union (ACLU) ermittelt. Seinen Mitarbeitern verweigert Internetversender weiter die Absicherung durch einen Tarifvertrag. Aktuell soll es erneut zu Streiks kommen. Der Tübinger Gemeinderat sollte seinen Gestaltungswillen bekunden.      –jos