Abgang. Mit Felix Schreiber von der Linken ist vergangene Woche der letzte verbliebene Student aus dem amtierenden Gemeinderat ausgeschieden. Ein knappes Drittel der Einwohner Tübingens ist vorläufig nicht mehr im Kommunalparlament vertreten. Schade. Der Grund scheint banal. Der Jung-Stadtrat ist umgezogen. Der Hintergrund aber sollte zusätzlich zu denken geben: Weil die Tübinger Mieten zu teuer sind, ist der Student nach Rottenburg ausgewandert.
Mooswände. Die Mooswände in der Mühlstraße sind vertrocknet und halten ihre verdiente Winterruhe. Dass sie nach ihrem Wiederergrünen wirklich einen messbaren, nennenswerten Beitrag zur Luftreinhaltung leisten können, muss mir erst mal jemand wissenschaftlich präzise nachweisen. Bis dahin halte ich das für eine Art salbungsvolle Homöopathie, teuer und völlig sinnfrei. 
Kobane. Neulich war wieder eine Kundgebung zum Krieg in Syrien auf dem Tübinger Holzmarkt. Die Rat- und Hilflosigkeit ist unübersehbar und wohl auch nicht zu vermeiden. Trotzdem sollte lieber nichts als was Falsches getan werden. Zu den unbeholfenen Vorschlägen gehört der einer Städtepartnerschaft Tübingens mit dem nordsyrischen Kobane, das kurdische YPG-Milizen in einer blutigen Schlacht von den Isis-Barbaren zurückerobert hatten. Jetzt hat der türkische Präsident Erdogan die Stadt ins Visier seiner Invasionstruppen genommen. Städtepartnerschaften waren als Versöhnungsversuch zwischen ehemaligen Kriegsgegnern gedacht: Ann Arbor (USA), Durham (Großbritannien), das französische Aix und auch Petrosawodsk im karelischen Russland. Monthey und Aigle vom Genfer See sind was Eigenes. Schon die Partnerschaften mit Villa El Salvador und Moshi in Tansania, als eine Art Entwicklungshilfe gedeutet, tun sich eher schwer als lebendige Projekte. Eine Partnerschaft mit einer umkämpften und zerstörten Stadt als hilfloses Protestzeichen gegen diesen Krieg aber wäre ein gefährlicher und anmaßender Unfug. Schon weil man sich damit den Konflikt zwischen Türken und Kurden in die Stadt holen würde.
Kiesinger. Letzte Woche wurde der einstige Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger auf dem Stadtfriedhof aus Anlass seines 40. Todestages unter anderem von Landesinnenminister Thomas Strobl geehrt. Auch Kiesinger war Tübinger Ehrenbürger. Direkt nach der einstimmigen Streichung des OB Hans Gmelin aus der Liste darf man schon fragen: Und was ist mit Kiesinger? Zwar hat er sich nicht solche Untaten zuschulden kommen lassen wie die Deportation der slowakischen Juden ins Vernichtungslager Auschwitz. Aber der Jurist Kiesinger war seit 1933 Mitglied der NSDAP und der SA und diente Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop bis zum Kriegsende als Chef der Rundfunkabteilung und direkt untergebener Verbindungsbeamter (im Range etwa eines Ministerialdirigenten) zu Joseph Goebbels ins Propagandaministerium - nicht vierte, eher dritte, vielleicht sogar zweite Reihe hinter den Hauptverbrechern, in der übrigens auch Präsidenten-Vater Ernst von Weizsäcker als Staatssekretär stand. Dafür ohrfeigte den damaligen Kanzler der Großen Koalition seinerzeit die junge Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld. Vielleicht ist es auch für den »Mitläufer« Kiesinger gut, wenn das formal gesehen wird: Die Ehrenbürgerschaft endet mit dem Tod.    –mab