Selbstfindungstrip. Was macht Reutlingen aus? Der Startschuss für die Auseinandersetzung mit dieser schwierigen Frage fiel vergangene Woche – bei der Auftaktveranstaltung zum Markenfindungsprozess in der Stadthalle. Über 700 Menschen waren gekommen, um dem Eröffnungsevent dieser bereits im Voraus kontrovers behandelten Unternehmung beizuwohnen. Sogar Angela Merkel, Günther Kretschmann, ja, auch die Queen aus Brexit-England sowie der Papst mischten mit. Dominik Kuhn alias Dodokay legte ihnen in seinem Synchronisations-Intro einige fragwürdige Ideen in den Mund und damit auch den Grundstein für einen Abend voller Comedy und Witz. Dabei ging und geht es auch in Zukunft um ein ernstzunehmendes Thema, das Thema »Reutlingen«.

Wie vermarktet sich unser Großstädtchen am sinnvollsten und wie schafft man es überhaupt, den Menschen in aller Welt beim Stichwort »Reutlingen« einen Gedanken einzupflanzen, der anziehend wirkt – und nicht nur einen Standort zwischen Tübingen und Metzingen hervorzaubert. Vorurteile gibt es viele, das ist klar. Aber auch positive? Ganz sicher, meinte Helge Thun, der als Moderator charmant und doch bitterböse durch das Programm führte. Beispielsweise gebe es auf Facebook im Gegenteil zu Tübingen mal keine OB . Das sei ein wahres Plus. »Mir gäbat nix« sei noch dazu der geeignete Slogan für das sich selbst suchende Reutlingen, das vorhat eine Kreisfreie Stadt zu werden um all sein Geld für sich zu behalten.

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Weitere Attraktivitätspunkte herauszuarbeiten, »das liegt jetzt vor allem in den Händen der Bürgerinnen und Bürger«, betonte Barbara Bosch in ihrer Rede und riet zur massiven Beteiligung bei der Bürgerbefragung. Diese startet im März. Formularweise können Interessierte dann Aussagen verneinen oder bejahen. Für die Analyse ist dann die Brandmeyer Markenberatung zuständig. Die Nordlichter sollen den »Weg zur Marke Reutlingen« begleiten. In Reutlingen sei man ja auch so weltoffen, »da macht ein Hamburger mehr oder weniger nichts aus«, scherzte Bosch.

In ihrer Rede trat sie beschwichtigend auf, versuchte die bereits aufgeschäumten Gemüter zu beruhigen, Wellen zu glätten. Reutlingen möchte nur das Beste. Gut für seine Bürger sein und anziehend auf andere wirken – aber bloß nicht zu einem »Biotop der Bruddler werden«, das steht fest. Die wichtigste Frage sei die der Attraktivität. Ein langwieriger Prozess – im Sommer werden die Analyse-Ergebnisse der Befragung ausgewertet sein und dann geht’s erst richtig los. Dann müssen Strategien entwickelt werden.

Verbesserungsvorschläge nehme man dabei zwar auch ernst, aber laut Peter Pirck, Gesellschafter der Brandmeyer Markenberatung, zählt an erster Stelle die Fokussierung auf die Gegebenheiten. Und er fragte den voll besetzten Saal, »was können sich die Reutlinger bereits jetzt ins Schaufenster stellen«? An einem solchen Ort gibt es ja bekanntlich nicht so viel Platz. Man muss sich beschränken aufs Wesentliche. Auf welche Punkte man dann stößt? Vielleicht auf Rieseninsekten? Aber nein, die würden den Rahmen sprengen – in ein Schaufenster passen die nicht rein.