KIEBINGEN. Fasnet ist nicht gleich Fasnet. Die schwäbisch-alemannische Fastnacht baut auf die seit Jahrhunderten örtlich gewachsenen und gepflegten Bräuche in einer überschaubaren Zahl von Orten auf. Sie sind ausschließlich auf katholisch gebliebene Landstriche begrenzt, weil es sich bei der Fastnacht – die Nacht beziehungsweise Zeit vor der vorösterlichen Fastenzeit – um ein ganz und gar dem christlichen Jahreslauf entsprungenem Fest handelt.
Auf der anderen Seite tummeln sich junge Narrenzünfte, die fasziniert von den Möglichkeiten, den Alltagszwängen zu entfliehen, großen Spaß an der Vermummung gefunden haben. Ihre angebliche Brauchtumspflege wird künstlich erzeugt, indem neu kreierte Maskenfiguren an lokale Sagengestalten angeknüpft werden. Das geht so weit, dass die Neuschöpfer sogar mittlerweile selbst an ihre erfundenen Traditionen glauben.

Narrennest seit 1512
Kiebingen ist ein altes Narrennest. Bereits für 1512 ist belegt, dass die Untertanen am Gemmeligen Daussteg (Schmotziger Donnerstag) der Ortsobrigkeit als Steuer eine sogenannte »Fasnetshear« (Henne) abliefern mussten. Um diese und andere alten Bräuche zu bewahren, wurde 1968 die Butzenzunft gegründet. Die vierhundert Mitglieder feierten am Wochenende ihren sechzigsten Geburtstag mit Tausenden von Gästen. Als Mitglied in der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), der Dachorganisation von 68 Fasnetsgruppen, sind die Kiebinger Teil der maskentypischen Region Neckar-Alb mit zwölf Zünften. Sie wurden 2014 ins nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.
Ein solch imposantes Treffen gab es zuletzt vor 20 Jahren. Unter den zwei Dutzend Gastgruppen des angereisten Narrenadels waren daher auch die alten Butzenhäser aus Haigerloch, Hechingen und Hirrlingen. Die Wellendinger Schellnarren, Wehinger Weißnarren und der aufwendig und einmalig gestaltete Wilflinger Strohbär samt den Schellnarren repräsentierten die Dörfer der Heuberg-Region. Aus Obernheim, dem höchstgelegenen Narrendorf im Südwesten, kam eine Abordnung der urtümlichen Hexen an den Neckar. Ein Höhepunkt bei den Brauchtumsdarbietungen am Samstag in der Ortsmitte und im Festzelt sowie beim großen Umzug war die Polonaise der berühmten spätbarocken Schömberger Fransennarren. Exotisch die schwäbisch-rumänischen«Urzel«-Figuren aus Sachsenheim, die Felbenköpfe aus dem alten Römerort Bad Cannstatt und natürlich der Ahlandtanz der benachbarten Rottenburger.     –mey