Er gilt nicht nur in Fachkreisen als die Instanz für Karate in Deutschland. Günther Mohr war Mitglied der Nationalmannschaft, die 1972 Vize-Weltmeister geworden ist. Der Ravensburger holte sich mehrmals den Deutschen Meistertitel, stand bei der EM 1972 als Bronzemedaillengewinner auf dem Podest. Mohr prägte wie kein anderer den Kampfsport Karate in Deutschland, er war von 1980 bis 2001 Bundestrainer. Mittlerweile fungiert der 66-Jährige als Landestrainer der Leistungsklasse und Stützpunkttrainer und fand über Judo zum Karate. »Aber das war mir nicht rabiat genug.« 

Hallo Günther Mohr, nach den Vorfällen in Köln drängen viel in Selbstverteidigungskurse, Karatestudios erleben einen Boom. Was sagen Sie Menschen, die schnell kämpfen lernen wollen?
Günther Mohr: Es geht ja nicht darum, gegen jemanden zu kämpfen, sondern es geht einfach darum, kritische Situationen zu vermeiden. Im Karateverband Baden-Württemberg werden Trainer entsprechend ausgebildet. Da geht es um Selbstverteidigung, Selbstbehauptung, es soll ja gar nicht zu so einer kritischen Situation kommen.

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Aber wenn es doch dazu kommt?
Mohr: Wenn es zum Kontakt kommt, dann lernt man auch Verteidigungstechniken. Aber normalerweise ist das Allerwichtigste, dass es eben nicht zum Übergriff kommt. Man soll immer versuchen zu deeskalieren. Wenn die Situation kritisch wird, sollte man vor allem auch dann selbstbewusst auftreten. Der Besuch so eines Seminars gibt auch Selbstvertrauen.

Wie sind sie selbst zum Karate gekommen?
Mohr: Ich hab als Jugendlicher Judo gemacht, das war mir aber nicht rabiat genug (lacht). Ich wollte halt zuschlagen und hab gedacht, Karate sei so eine geheime Kampfkunst. Meine Vorstellungen davon waren ganz andere. Es war mir nicht so klar, was das eigentlich für ein Sport ist. Das hab ich dann erst später erkannt.

Sie sind ja so etwas wie der Franz Beckenbauer des Karate. Ein ganz Großer dieser Sportart, bei der nicht nur Athletik, Kraft und Dynamik trainiert wird, sondern vor allem auch Geist und Disziplin. Inwiefern profitieren sie persönlich vom »Weg der leeren Hand«, wie Karate ja übersetzt heißt?
Mohr: Das Leere ist ein Gesetz im Buddhismus. Der Mensch ist gierig, der will alles schnell, der muss lernen, nein zu sagen und zu verzichten. Das ist grob gesagt der Inhalt. Karate sucht die Einheit von Körper und Geist. Jeder profitiert unterschiedlich davon.

Wie war es dann bei Ihnen?
Mohr: Für mich war es ein Weg zur Selbstkontrolle. Es war für mich nicht immer ganz leicht, mich im Griff zu haben. Mit Karate hab ich gelernt, Emotionen zu kontrollieren – in einem gewissen Rahmen. Man muss sich da immer bemühen. Der Mensch hat Stärken und Schwächen, es geht darum, die eigene Persönlichkeit zu erkennen und daran zu arbeiten. Nach Nakajama zählt weder Sieg noch Niederlage, sondern es zählt die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Darum geht es im Karate. Es ist lebenslanges Training. 

Dazu ist immer der Willen des Einzelnen vorausgesetzt, um das überhaupt umzusetzen.
Mohr: Das ist richtig. Für alles brauch ich einen Willen. Man muss sich im Leben immer motivieren. Karate ist dafür auch eine Stütze. Aber jedes Training ist auch eine Überwindung, das muss man ganz klar sagen. Wenn ich nicht bereit bin, mich zu überwinden, dann werden die Hürden immer kleiner, die man überspringen kann.

Dieses Jahr sind ja wieder Olympische Spiele. Es ist auch ein großes Forum und Schaulaufen für die Randsportarten. Die Karateka gucken zu.
Mohr: Noch gucken sie zu. Karate wird olympisch. Es gibt ein Beschluss des Exekutivkomitees des IOC. Da wurde Karate zu den Sportarten gewählt, die dazukommen. Das wird jetzt in Rio im Kongress vorgestellt. Karate ist 2020 dabei.

Das ist ein großer Schritt für Karate.
Mohr: Ich würd Karate auch nicht als Randsportart bezeichnen. Auf der Welt gibt es ungefähr 40 Millionen Karatekas. Der Weltverband ist mit 10 Millionen Mitgliedern einer der größten Sportverbände der Welt.

Aber in Deutschland ist es eine Randsportart.
Mohr: Nein. Der Deutsche Karate-Verband gehört mit 160 000 Mitgliedern zu den größeren Sportverbänden im DOSB.

Aber wenn man die Medienpräsenz nimmt, dann kann man Karate als Randsportart bezeichnen.
Mohr: Dann sind fast alle Sportarten Randsportarten. In erster Linie kommt da ja Fußball, und dann kommt Fußball und dann kommt noch mal Fußball. Ich hab kein Problem mit dem Fußball. Der DFB ist ein viel größerer Verband und demgegenüber sind wir eine Randsportart, das ist richtig. Wenn man es aber in Bezug auf andere Sportarten wie das Fechten betrachtet, dann stehen wir ganz gut da.

Das Reutlinger Karate Team feiert seinen 20. Geburtstag. Sie dürfen noch ein paar Glückwünsche los werden.
Mohr: Ich freu mich, dass der Ekki Bader und sein Team so aktiv sind. Das ist ein toller Verein. Ich finde es beachtlich, dass der Verein sich auch im Leistungssport organisiert. Er macht ja viel im Breitensport und mit Kindern und Jugendlichen. Da wünsche ich viel Erfolg und vor allem den Erfolg, den sie sich so vorstellen. Und ich wünsche ihnen auch die Unterstützung der Kommune. Da drücke ich ihm die Daumen, dass er da auch weiter vorwärtskommt.

Interview von Dieter Reisner

 

Landestrainermeeting des Karateverbandes Baden-Württemberg

 

Geschenk für Karateteam

 

Seit der Gründung 1996 ist das Reutlinger Karateteam in den Bereichen Breiten- und Wettkampfsport, Schulprojekte, Karate für Menschen mit Behinderung und Prävention/Selbstbehauptung aktiv.
Der Verein feiert seinen 20. Geburtstag und dazu veranstaltet der Karateverband Baden-Württemberg am Samstag, 30. Januar sein Landestrainermeeting in Reutlingen. Von 10.30 Uhr an bis 16.45 Uhr gibt es Workshops zur Selbstverteidigung, Kumite, Kinderbetreuung, Methodik und vielem mehr.
Sportkreisvorsitzender Karl-Heinz Walter sowie Uwe Weber vom Reutlinger Kultur- und Sportamt halten ein Grußwort zum runden Geburtstags des Vereins.
Mit dem Teamgedanken als zentrales Element sind zahlreiche Ideen und Konzepte entstanden, die in das Training, in Projekte und Kooperationen eingebracht werden. Das Karate-Team trainiert den Shotokan Stil.
Der Verein arbeitet sehr erfolgreich: Die Kinder/Jugendkonzepte wurden mit dem Stern des Sports und durch das Kultusministerium Baden-Württemberg ausgezeichnet.     –rw