Das ist alarmierend: Die Zahl der FSME-Krankheitsfälle aufgrund von Zeckenbissen hat sich in diesem Jahr verdoppelt. Baden-Württemberg gilt dabei als ein Risikogebiet. Seit Jahresbeginn wurden dem Landesgesundheitsamt in Stuttgart 32 Erkrankungen von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) gemeldet – im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum 14. Wir haben beim Landesgesundheitsamt nachgefragt. Dr. Rainer Oehme hat sich die Zeit genommen und geantwortet. 

Hallo Dr. Rainer Oehme, die Zahlen sind alarmierend. Woher kommt dieser Anstieg?
Dr. Rainer Oehme: Die mit FSME-Viren infizierten Zecken finden sich in relativ eng begrenzten Gebieten, die ungefähr die Größe von ein bis zwei Fußballfeldern haben. Außerhalb dieser Areale tragen die Zecken keine Viren in sich. In diesen Arealen schwankt die Befallsrate der Zecken mit FSME-Viren zwischen 0,1 und 3 Prozent von Jahr zu Jahr.

Woran liegt das?
Dr. Oehme: Beide Phänomene lassen sich bisher noch nicht endgültig erklären. Eventuell haben wir in diesem Jahr eine Befallsrate der Zecken im oberen Bereich. Entscheidend ist aber auch, dass infizierte Zecken mit nicht gegen FSME geimpften Menschen zusammentreffen. Hier ist das gute Wetter an den Wochenenden und in den Ferien ausschlaggebend, denn dann sind deutlich mehr Menschen im Wald unterwegs und 70 bis 80 Prozent von ihnen sind nicht gegen FSME geimpft.

Auch Städte sind mittlerweile Risikogebiete. Wie kann man wirksam vorbeugen?
Dr. Oehme: Auch in Parkanlagen und Gärten sind die Bedingungen für die Zecken zum Teil gut. Die Zecken benötigen eine relative hohe Luftfeuchtigkeit, die im hohen Gras, unter dichten Büschen und in der Laubstreu gegeben ist. Im Park hat man selbst keinen Einfluss auf die Vegetation, aber im eigenen Garten kann man das Gras kurz halten, die Büsche etwas lichter schneiden und die Laubstreu entfernen. So lässt sich auf jeden Fall die Zahl der Zecken im Garten verringern. Ganz los wird man sie nicht, da durch Wild- und Haustiere immer wieder Zecken eingetragen werden.

Wie entfernt man Zecken richtig?
Dr. Oehme: Untersuchungen in den 90er Jahren haben gezeigt, dass die Art der Entfernung keinen großen Einfluss auf die Übertragung der Erreger auf den Menschen hat. Trotzdem wird empfohlen, die Zecke beim Entfernen möglichst nicht zu quetschen.

Sind Zeckenzangen hilfreich?
Dr. Oehme: Es gibt zahlreiche »Werkzeuge« im Handel. Entscheidend ist die frühzeitige Entfernung der Zecke. Daher sollte man sich nach einem Aufenthalt im Zeckengebiet gründlich absuchen und gegebenenfalls die Zecke sofort entfernen.
Die FSME-Viren werden zwar relativ schnell nach dem Stich der infizierten Zecke übertragen, aber bei jeder Infektionskrankheit ist auch die Anzahl der Erreger entscheidend. Je länger die Zecke saugen kann desto mehr Viren werden auch auf den Menschen übertragen. Bei Borrelia burgdorferi, dem Erreger der Lyme-Borreliose, ist die frühzeitige Entfernung noch wichtiger, denn hier werden die Bakterien in der Regel erst nach einer Saugdauer von mehr als zwölf Stunden übertragen.
 

Woran erkennt man Borreliose?
Dr. Oehme: Die meisten Borrelieninfektionen beginnen mit der sogenannten Wanderröte. Dies ist ein roter Ring, der sich meist um die Stichstelle bildet. Er kann aber auch an einer anderen Körperstelle auftauchen.

Wann zeigt sich das?
Dr. Oehme: Diese Hauterscheinung zeigt sich frühesten nach etwa sieben bis neun Tagen, kann aber auch deutlich später auftreten. Bei wenigen Infektionen mit Borrelia burgdorferi fehlt diese Hauterscheinung und die Patienten haben Symptome einer Sommergrippe mit meist niedrigem Fieber und Abgeschlagenheit. Die Patienten schwitzen oft nachts extrem. In diesen Fällen hat sich der Erreger bereits im Körper des Patienten angesiedelt und eine Diagnose ist über den Nachweis der Antikörper gegen Borrelia burgdorferi im Blut nachweisbar.


Wie macht sich eine FSME-Infektion bemerkbar?
Dr. Oehme: Die FSME beginnt in der Regel auch wie eine Sommergrippe, allerdings bereits mit hohem Fieber. Bei vielen Patienten ist das Immunsystem in der Lage in dieser Phase das Virus zu beseitigen. Bei einigen Patienten schafft es das Virus aber ins Gehirn einzudringen und hier kommt es erneut zu hohem Fieber und extremen Kopfschmerzen. Das Virus kann jetzt die Hirnhäute, das Gehirn und das Rückenmark befallen. Eine Therapie ist bei der FSME nicht möglich.

Was schützt vor FSME und Borreliose?
Dr. Oehme: Der beste Schutz vor der FSME ist die Impfung, die in Baden-Württemberg öffentlich empfohlen ist und für exponierte Menschen auch ratsam ist. Bei der Lyme-Borreliose kann das frühe Entfernen der Zecke eine Übertragung verhindern. Bei der Erkrankung kann mit Antibiotika eine Therapie durchgeführt werden.

Interview von Dieter Reisner