Ein harter Schlagabtausch ist dieses Jahr nicht zu erwarten: Das TV-Duell Angela Merkel gegen Martin Schulz am 3. September dürfte kaum für Überraschungen sorgen. Das ist die Einschätzung von Prof. Dr. Frank Brettschneider. Schließlich kämen beide Kontrahenten aus der Großen Koalition, was Kritik aneinander deutlich erschwere. Der Kommunikationswissenschaftler der Uni Hohenheim in Stuttgart erwartet von dem TV-Duell »nicht sehr viel Überraschendes«. Er ist überzeugt: »Angela Merkel kennen wir sehr gut. Wir wissen, wie sie sich in TV-Duellen verhält und auf welche Themen sie setzen wird.«

Herr Brettschneider, was ist das Besondere an TV-Duellen? 
Prof. Dr. Frank Brettschneider: TV-Duelle sind eines der wichtigsten Ereignisse in modernen Medienwahlkämpfen. In Bundestagswahlkämpfen haben sich TV-Duelle zwischen den Spitzenkandidaten inzwischen fest etabliert. Sie erreichen zahlreiche Wahlberechtigte. Beim letzten TV-Duell zur Bundestagswahl 2013 waren es über alle vier Sender hinweg insgesamt 17,6 Millionen Zuschauer. TV-Duelle können sich auf das Wissen, die Einstellungen und unter Umständen auch auf die Wahlabsicht der Wähler auswirken.

Fotostrecke 2 Fotos

Wie wichtig sind TV-Duelle im Wahlkampf?
Brettschneider: In TV-Duellen findet der Wahlkampf wie unter einem Brennglas statt. Kein anderes einzelnes Ereignis im Wahlkampf erreicht so viele Menschen wie das TV-Duell zwischen den Spitzenkandidaten um die Position des Regierungschefs. Keine andere Plattform bietet den Spitzenkandidaten eine solch herausragende Kommunikationschance. Sie können auf diesem Weg Anhänger mobilisieren und Unentschiedene von sich überzeugen.

Wer schaut TV-Duelle?
Brettschneider: Neben den politisch Interessierten und den Parteianhängern werden TV-Duelle auch von denjenigen Wählern wahrgenommen, die über geringeres politisches Interesse und Wissen verfügen und die sich seltener aus anderen Quellen über Politik informieren. Oft setzen sie sich durch das TV-Duell zum ersten Mal intensiv mit den unterschiedlichen Positionen der Parteien auseinander.

Und was bewirken TV-Duelle?
Brettschneider: Die Wirkung hängt vom Verlauf des Duells und von den Voreinstellungen der Zuschauer ab. Diejenigen Zuschauer, die parteipolitisch weitgehend festgelegt sind, ändern ihre Meinung aufgrund des TV-Duells in der Regel nicht. Im Gegenteil: Sie nehmen das Geschehen durch ihre parteipolitische Brille wahr und werden in ihren Auffassungen sogar noch bestärkt. Die unentschiedenen Wähler hingegen können durch TV-Duelle leichter beeinflusst werden. Sie orientieren sich dann in erster Linie an der wahrgenommenen Problemlösekompetenz der Kandidaten sowie an deren Führungsstärke und an ihrer Vertrauenswürdigkeit.

Die Wirkungen auf die Bewertung der Kandidaten sind also am größten?
Brettschneider: Ja. Den Spitzenkandidaten kommt als Gesicht und Stimme ihrer Parteien eine besondere Bedeutung bei der Vermittlung von Themen und politischen Positionen zu. Die stärksten Effekte des TV-Duells zeigen sich bei den Kandidatenimages und bei der Bewertung der Kandidaten. Die Partei-Bewertungen werden hingegen vom Debattenverlauf weniger beeinflusst. Das Gleiche gilt für die Wahlabsicht. Aber bei einem knappen Wahlausgang kann ein TV-Duell durchaus die Wahl entscheiden – wie viele andere Faktoren auch.

Welche Debatten-Aussagen wirken am besten?
Brettschneider: Allgemeine, wertbezogene Aussagen sowie emotionale Appelle der Debatten-Teilnehmer lösen bei den Zuschauern über die Parteigrenzen hinweg die größte Zustimmung aus. Das Gleiche gilt für Allgemeinplätze wie ‚Leistung muss sich lohnen’ oder ‚Bildung darf nicht von der Herkunft abhängen’. Angriffe auf den politischen Gegner polarisieren hingegen meistens. Die Angriffsstrategie kann sich aber auch gegen den Angreifenden selbst wenden – wenn er überzieht.

Wird Martin Schulz im TV-Duell Angela Merkel unter Druck setzen können?
Brettschneider: Das wird er versuchen. Aber das wird sehr schwer. Er kann die Politik der Großen Koalition nicht wirklich hart kritisieren, weil seine eigene Partei daran mitgewirkt hat. Schulz hat somit kaum Ansatzpunkte. Er wird deutlich machen müssen, dass sich aus seiner Sicht in Deutschland etwas ändern muss. Viele Menschen wollen aber gar nicht, dass sich etwas Grundlegendes ändert. Wir können also eine Neuauflage von Merkels ‚Sie kennen mich’ aus dem letzten TV-Duell erwarten. Wahrscheinlich wird eher Schulz unter Druck geraten, wenn es darum geht, mit welchen Koalitionspartnern er seine Positionen nach der Wahl realisieren will – Stichwort rot-rot-grün.