Die drei Macher von TSG Reutlingen Inklusiv Albrecht Tappe, Kim Laudage und Martin Sowa möchten Inklusion deutschlandweit bekannt machen – mit einer Deutschen Fußball-Meisterschaft. Den Aufwand bezeichnen sie  als „Affenarbeit“,  aber sie verraten uns auch ihr Geheimnis, warum sie das tun.

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Sie  sind wieder einmal dabei, dicke Bretter zu bohren. Die Abteilung für Menschen mit Behinderung des größten Reutlinger Vereins ist weit über die Region hinaus bekannt – als eine engagierte Truppe, die Unmögliches möglich macht. Sie haben einen großen Anteil daran, dass der Behindertensport nicht nur an ein paar Tagen im Jahr Gesprächsthema ist. Mit regelmäßigen Veranstaltungen haben sie für eine gesellschaftliche Akzeptanz dafür gesorgt. Aber sie sind noch lange nicht am Ziel. In diesem Jahr richtet TSG Inklusiv  mit Hilfe der Stadt die Deutsche Fußball-Meisterschaft der Länder für Menschen mit mentaler Beeinträchtigung aus. Die Spiele und das Rahmenprogramm finden vom 14. bis 18. Juni im Kreuzeichestadion und auf dem Marktplatz statt.

Klein denken liegt euch fern, ihr habt wieder Großes vor: was erwartet uns?

Sowa: Fußballspiele der Länderteams rund um das Kreuzeichestadion.

Das ist aber nicht alles, so wie man Euch kennt?

Sie schmunzeln.
Sowa: Wir wollen ganz nachhaltig das Thema Inklusionssport hier in der Region implementieren, dass das in die Köpfe auch wirklich rein kommt.

Mit welchem Ziel?

Sowa: Wir möchten deutschlandweit ein Zeichen setzen, wie man Fußball für Menschen mit Beeinträchtigung organisieren, durchführen und nachhaltig machen kann.

Zeichen habt ihr ja bislang schon viele gesetzt. Wie seid ihr zu dieser DM gekommen?

Sowa: Die Stadt Reutlingen hat uns vor über einem Jahr gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, ein großes inklusionssportliches Ereignis hier zu organisieren. Konkret waren es die Landesspiele von Special Olympics. Das hätte sich aber auf mehrere Sportstätten sowie -arten bezogen und wäre nicht durchführbar gewesen. Wir hätten die städtischen Sportstätten für eine Woche komplett lahm legen müssen. Es wäre ein riesiger Aufwand gewesen.

Aber so eine DM ist auch ein riesiger Aufwand

Tappe: Ja. Aber es wären auch bestimmte Voraussetzungen in Reutlingen nicht gegeben gewesen wie etwa 50 Meter Schwimm-Bahnen. Das muss in der Halle sein.

Was spricht für  Fußball?

Tappe: Die Räumlichkeit ist überschaubarer. Wir haben mit Kim Laudage einen Superfußball-Experten eingestellt, der extrem gut vernetzt ist. Und es gibt das große Pfiff-Projekt in Baden-Württemberg, das spielt auch noch eine große Rolle.

Was kostet die Veranstaltung?

Sowa: um die 60 000 Euro

Wer zahlt das?

Tappe: Die Stadt Reutlingen ist finanziell stark im Boot, sie hat Geld zurückgelegt für die Special Olympics Geschichte. Ihr Engagement garantiert, dass wir es anpacken können.   Normalerweise bekommen wir vom Deutschen Behindertensport einen festen Betrag, der aber wackelig ist. Für den Rest versuchen wir Sponsoren zu gewinnen.

Ihr habt immer wieder große Dinge angepackt. Was steckt für ein Geheimnis hinter Eurem Engagement? Warum kriegt ihr das immer wieder hin?

Laudage: Ich bin noch nicht allzulang dabei, aber so viel kann ich sagen: täglicher Austausch, man kann über alles miteinander reden, wir finden immer eine gute Lösung, das ist schon ein Geheimrezept.

Klar. Aber das ist bei vielen anderen Vereinen auch so.

Sowa: Wir gehen immer von den Wünschen und Bedürfnissen unserer Leute aus und dann fangen wir an, uns auszutauschen. Wir denken  im 360 Grad Winkel, dann gibt bei uns Drei  ein Wort das andere. Wir setzen uns zusammen und fangen an zu spinnen. Das ist  ganz unkompliziert. Ganz wichtig: es gibt keine Vereinsmeierei. Und es muss allen Spaß machen.

Der Kern der Frage ist aber noch nicht so richtig beantwortet. Konzepte entwickeln ok, aber man muss es umsetzen und zwar über Jahre. Was treibt euch an?

Tappe: Bei mir ist es so:  wenn ich donnerstags in die Sportgruppe geh, dann geht es mir hinterher besser, weil von den Menschen so viel zurückkommt. Da kann ich so viel auftanken, da kann ich die ganze Woche von zehren. Diese Freude, die diese Sportler rüberbringen und dieses ganz Andere, so sind wir halt nicht, so wäre ich nie, wenn ich diese Menschen nicht kennengelernt hätte.

Das hört sich jetzt schon besser an.

Sowa: Letztendlich ist es das Strahlen in den Gesichtern. Ich wundere mich manchmal, warum es mir  in vielen Momenten nach mehr als vierzig Jahren immer noch kalt den Rücken runterläuft, wenn ich das sehe. Weil es mich so freut.

Dann erzähl uns mal einen solchen Moment

Sowa:  Eines der schönsten Dinge im letzten Jahr war in die Gesichter der Spieler unserer inklusiven Tischtennisgruppe beim Heimspieltag zu schauen wie sie lachen, wie sie  strahlen. Das ist doch super, das ist doch klasse, dass man so etwas hinkriegt.

Das entschädigt dann auch für die viele Arbeit

Sowa: Ich  hab vor 42 Jahren eine Vision gehabt. Wenn du das heute siehst, dass   es in ganz vielen Teilen erfolgreich umgesetzt ist, dann ist das schon was. Du hast dann für so viel Menschen was Gutes geschaffen.

Das wollt ihr jetzt mit der DM auch einer breiteren Öffentlichkeit bieten

Tappe. Genau. Wer nichts mit  Menschen mit Behinderung zu tun hat und zu uns kommt, der ist nach kürzester Zeit angetan. Weil sie dabei  so viel Spaß haben, die kriegen da was fürs Leben mit. Da lernen die richtig was. Das möchten wir möglichst vielen ermöglichen.

Interview und Fotos von Dieter Reisner