Es könnte momentan der Slogan der Stadt Reutlingen sein: Wir sind Baustelle. Was sich lustig anhört, ist aber gar nicht zum Lachen. Für Anwohner nicht, für Pendler und Gewerbetreibende schon gar nicht. Schließlich hat so eine Baustelle Folgen. Im Vorfeld der Kommunalwahl haben wir uns mit Christian Wittel unterhalten. Der Vorsitzende von RT aktiv ist ein kritischer Geist, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält. Die Baustellen nerven den selbständigen Augenoptiker, die Art und Weise wie die Verwaltung respektive auch der Gemeinderat damit umgehen ebenso. Es steht nicht zur Debatte, dass etwas geschehen muss. »Aber man kann das auch anders kommunizieren«, so Wittel. 

Die Situation geht nämlich nicht nur an die Nerven, sondern auch an den Geldbeutel der Geschäftsleute. Die Kunden bleiben aus. Selbst Stammkunden. »Ich weiß von einem zentral gelegenen Unternehmen, das in den ersten drei Monaten dieses Jahr einen Frequenzrückgang im zweistelligen Prozentbereich hatte. Das lässt sich nicht mehr ausgleichen.« Es ist eine absolut schwierige Situation in Reutlingen momentan. Das sehen Kunden genauso wie Wittels Kollegen, mit denen er in regelmäßigem Austausch ist. »Das hat vor allem auch eine emotionale Note. Stichwort Willkommenskultur. Wie nehmen wir Menschen, die in die Stadt kommen, in Empfang.« Und gleich fälllt ihm ein wunderbares Beispiel ein. Die Gartenstraße muss für das neue Buskonzept fit gemacht werden. »Das ist auch absolut verständlich, dass sich da was tun muss. Aber es ist nicht damit getan, ein paar Umleitungsschilder aufzustellen und das Park-Leitsystem mit einem rotschwarzen Klebeband einfach zu zukleben nach dem Motto: wie ihr in die Parkhäuser kommt ist nicht unser Problem.« Das könne man auch anders machen. Aktiv bewerben, von seiten der Verwaltung und beispielsweise auf die Ortseingangstafeln schreiben. »Tut uns leid, wir bauen gerade, aber wenn Sie diese oder jene Route nehmen, dann kommen Sie an Ihr Ziel.«

Was erwarten sie von den alten und neuen Gemeinderäten?

Christian Wittel: Politik des Gehörtwerdens ist in aller Munde. Wir würden vom Handel auch gerne früher schon mit eingebunden werden in die kommunalpolitischen Pläne. Die Verwaltung respektive das Amt für Wirtschaftsförderung schafft das mittlerweile ganz gut. Aber der Gemeinderat selber, da hab ich manchmal den Eindruck, sie behandeln die Innenstadt als Nebenthema. Es fehlt mir die notwendige Ernsthaftigkeit sich den Themen für die Innenstadt zu widmen.

Beispiel?

Wittel: Es geht hier nicht nur um den Einzelhandel, sondern gerade auch um alle anderen Bereiche, die eine Innenstadt attraktiv machen. Zum Beispiel Gastro, Kultur und natürlich auch die notwenige Infrastruktur.

Na die Wilhelmstraße erstrahlt ja in neuem Glanz. 

Wittel: Es reicht nicht, die Wilhelmstraße neu zu bepflastern und dann zu glauben, wir haben genügend für die Innenstadt getan. Ich erwarte vom neuen Gemeinderat, dass die Querverbindungen gemacht werden, im Übrigen auch zu den Busstellen in der Gartenstraße. 

Apropos Baustellen. Wie wirken sie sich auf die Gewerbetreibenden aus?

Wittel: Ich hab ein großes Problem damit, dass man an allen Ecken gleichzeitig anfängt. Im weitesten Sinne zu einer Baustelle zähle ich auch den Luftreinhalteplan. Alles was den Verkehr ausbremst, wird von den Menschen negativ bewertet. Und das schadet massiv dem Image der Stadt. So etwas bleibt hängen. Das kann man so schnell nicht mehr wieder gut machen.

Dabei werden Sie immer das Gegenargument hören, »das müssen wir jetzt machen, in einem Jahr ist es vorbei, dann ist alles viel besser«.

Wittel: Für jedes Unternehmen ist ein Jahr eine sehr lange Zeit. Das braucht Zeit bis die Fußgängerströme wieder laufen. Da sind sich die Verantwortlichen in der Verwaltung nicht bewusst darüber. Wenn es dadurch zweistellige Umsatzeinbußen gibt, das fängt man nicht mehr auf. Manchmal hab ich den Eindruck, die Leute glauben, die Tatsache dass wir ein Geschäft aufmachen reicht, dass wir Geld verdienen.

Wie halten sich die Gewerbetreibenden dann über Wasser?

Ich höre von allen, dass es knapper ist. Wir versuchen selber, etwa durch Sonderaktionen, es für die Kunden so attraktiv wie möglich zu machen. Aber das reicht halt nicht. Wenn die Leute Reutlingen als Einkaufsstadt positiv wahrnehmen wollen, dann müssen wir alle an einem Strang ziehen.

In der Gartenstraße baggern die Baggern fleißig und zügig, in der Albstraße wandern die Baustellen munter weiter, aus der Kaiserstraße wachsen ebenso organgerote Warnbarken. In der Karlstraße .... und so weiter. Herr Wittel erkennen Sie in all diesen Arbeiten und Maßnahmen eine Vision?

Wittel: Nein.

Aber sie sind notwendig. Für das neue Buskonzept. Den Luftreinhalteplan...

Wittel. Dagegen sag ich nichts. Es geht vor allem um das Wie. Wie kommuniziere ich das von seiten der Stadtverwaltung. Das geht es vor allem auch um eine Willkommenskultur. Das muss ich immer wieder wiederholen.

Nach dem Motto: Hallo wir sind Baustelle, besuchen Sie uns bei Krach und Dreck?

Wittel: So krass natürlich nicht. Aber man muss den Menschen doch positive Angebote machen und nicht nur einfach die Parkplätze wegnehmen. Beispiel Gartenstraße.

Haben sie selber eine Vision?

Wittel: Das nützt ja nichts, ich kann sie nicht umsetzen. Ich bin in diesem Ehrenamt immer mehr zum Feuerwehrmann geworden. Kreative Projekte voranzubringen, funktioniert nicht, da brauch ich gar nicht erst Luft holen dafür.

Dann reimen wir doch mal: auf Vision reimt sich Mission. Auf welche Mission schicken Sie den neuen Gemeinderat.

Wittel: Eine Vision aufzubauen wäre ja nicht so schwer. Beispiel Handyparken. Wäre wunderschön, wenn wir wegkommen würden vom Wegezoll mit dem Groschenautomaten und so Sachen wie Handyparken, die in anderen Städten schon gang und gäbe sind, ermöglichten.Das ist eine Kleinigkeit. Aber mit großer Wirkung. Das wäre ein Zeichen nach dem Motto: wir sind auf dem richtigen Weg.

Noch ein Vorschlag?

Wittel: Seit drei Jahren fordere ich Frequenzmessgeräte an neuralgischen Punkte, die objektiv messen. Mein Vorgänger hat das auch schon getan. Das wird bis heute nicht umgesetzt. Jede andere Stadt in dieser Größe hat so etwas. Das Stadtmarketing hat genau ein Frequenzmessgerät: es steht im Spitalhof. Das hat keine Aussagekraft. Jedes Mal wenn wir das fordern, erhalten wir verständnisvolles Nicken bei den Alträten. Ich hoffe, dass die Neuräte nicht nur nicken, sondern auch zur Tat schreiten.                  Interview von Dieter Reisner