Es ist die am weitesten verbreitete Essstörung. Bei Männer und Frauen tritt die Essanfallstörung gleich häufig auf. Die Diplom-Psychologin Hannah Münch und ihr Kollege Dustin Werle führen derzeit verschiedene Studien zum besseren Verständnis dieser Anfälle durch. Sie verfolgen in Ihren jeweiligen Projekten das Ziel, speziell die Mechanismen der Essanfälle, durch die sich die BES auszeichnet, zu ergründen. Neben einer verstärkten Untersuchung möglicher Ursachen und Wirkzusammenhänge, die den Essanfällen zugrunde liegen, evaluieren die beiden Wissenschaftler der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie des Psychologischen Instituts der Uni Tübingen ein konkretes Training zur Reduktion der Essanfälle. »Um die Forschung weiter voran zu bringen, sind wir laufend auf der Suche nach teilnahmeinteressierten Betroffenen«, sagt Hannah Münch. Wir haben uns mit den beiden unterhalten. 

Was treibt Menschen dazu, soviel zu essen, dass es krankmacht?
Hannah Münch: Wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen lässt sich das nicht auf wenige einzelne Ursachen zurückführen. Oftmals ist es ein Zusammenspiel aus biologischen beziehungsweise genetischen sowie psychologischen und sozialen Risikofaktoren. 
Dustin Werle: Speziell bei der Essanfallstörung spielen figur- und gewichtsbezogene Probleme, die oft ihren Ursprung in der Kindheit haben eine übergeordnete Rolle. Das Ganze führt schnell zu einem Teufelskreis: Unzufriedenheit und Kritik führen zu negativen Gefühlen, diese erhöhen wiederum die Wahrscheinlichkeit weiterer Essanfälle und so weiter.
Hannah Münch: Vor diesem Hintergrund interessiert mich insbesondere der Einfluss von Oxytocin, einem Hormon von zentraler Bedeutung für die zwischenmenschliche Bindung sowie positiven sozialen Interaktion. Weiter wird Oxytocin mit der Regulation des Essverhaltens in Verbindung gebracht, was einen Zusammenhang mit den Essanfällen durchaus nahelegt.

Fotostrecke 2 Fotos

Welche Mechanismen laufen
da ab?
Dustin Werle: Ähnlich wie bei den Ursachen der Essanfallstörung, sind meist auch mehrere Mechanismen beteiligt, wenn es um die Aufrechterhaltung der Störung geht.
Hannah Münch: In den Studien von Herrn Werle und mir schauen wir uns beispielsweise den Mechanismus der Belohnungssensitivität auf Nahrungsreize als einen Faktor für das bestehen regelmäßiger Essanfälle an. Es hat sich in bisherigen Studien gezeigt, dass Personen, die unter regelmäßigen Essanfällen leiden Nahrungsreize als sehr viel belohnender wahrnehmen, als es Personen ohne Essanfälle tun.

Wer ist davon vor allem
betroffen?
Dustin Werle: Anders als bei den übrigen Essstörungen, sind von der Essanfallstörung ähnlich viele Männer wie Frauen betroffen. Darüber hinaus lässt sich die Störung nicht in nur einer sozialen Schicht verorten, vielmehr finden sich in allen sozioökonomischen Milieus Menschen mit Essanfallstörung.

Kann man das in den Griff bekommen?
Hannah Münch: Derzeit ist die kognitive Verhaltenstherapie die Behandlung der Wahl bei der Essanfallstörung. Dabei lassen sich gute Resultate erzielen in Form von weniger häufigen Essanfällen bis hin zu gar keinen Essanfällen mehr. Nichtsdestotrotz fallen bis zu der Hälfte der Behandelten nach erfolgreicher Therapie in alte Verhaltensmuster zurück und erleben erneut Essanfälle.
Dustin Werle: In meiner Studie evaluieren wir beispielsweise ein neu entwickeltes Training, mit dem wir versuchen, die Belohnungssensitivität, der wir eine große Rolle in der Aufrechterhaltung der Essanfälle zuschreiben, zu reduzieren. Wir gehen davon aus, dass sich dies positiv auf die Störung auswirkt. Da das Training im Rahmen einer Studie stattfindet, können wir es kostenlos anbieten. Es gibt derzeit noch etwa 50 freie Plätze.
Wo kann man sich melden, wenn man bei der Studie mitmachen will?
Mail: Hannah.Muench@uni-tuebingen.de, Telefon
0 70 71/29 7 83 30
oder tessa.psychologie@uni-tuebingen.de Tel.
0 70/71/29 7 53 05
Interview von Dieter Reisner