Das Projekt »Wildkatzensprung« im Bundesprogramm Biologische Vielfalt findet nach über sechs Jahren seinen erfolgreichen Abschluss. Das vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) koordinierte Projekt ist eines der größten Naturschutzprojekte Europas, nicht nur in Hinblick auf die flächenmäßige Ausdehnung, sondern auch in Hinblick auf die vielfältige Beteiligung. Das Bundesamt für Naturschutz hat den »Wildkatzensprung« des BUND mit 3,85 Millionen Euro aus Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert. Wir haben beim BUND nachgefragt. Projektkoordinator Axel Wieland hat sich die Zeit genommen und geantwortet.

Hallo Herr Wieland: Warum wurde dieses Projekt aus der Taufe gehoben?
Axel Wieland: Vor 100 Jahren vom Menschen bei uns ausgerottet kehrt die europäische Wildkatze seit einigen Jahren wieder nach Baden-Württemberg zurück und sieht sich mit einer völlig veränderten Welt konfrontiert. Breite Fernstraßen, ausgedehnte Siedlungen und von der Landwirtschaft oft ausgeräumte Flächen durchschneiden ihre gewohnten Wanderrouten von einem Waldgebiet zum nächsten und werden so zur oft tödlichen Gefahr. Ihre Heimat, unsere ursprünglichen Wälder sind aus ihrer Sicht oft inselartig isoliert und nicht mehr wie gewohnt miteinander verbunden. 
Genau hier setzt das Projekt »Wildkatzensprung« an. Wir versuchen langfristig das Wanderwegenetz der Wildkatze Schritt für Schritt wieder herzustellen und damit ihre Lebensräume wieder miteinander zu verbinden. Dafür braucht es Grünbrücken über die Autobahnen und im Anschluss grüne Bäume und Hecken als Leitstrukturen bis zum nächsten Wald. Diese neuen Wildtierkorridore kommen dann allen waldlebenden Arten zugute von kleinen Insekten bis zur Wildkatze. Nur so können wir dauerhaft die Artenvielfalt unserer Wälder, aber auch die genetische Bandbreite innerhalb einer Art erhalten. 
Wir wollten natürlich auch sehen, wie erfolgreich unsere Bemühungen waren, und haben deshalb die Zuwanderung der Wildkatze mit baldriangetränkten Lockstöcken überwacht. Die Haarproben der für Wildkatzen äußerst attraktiven Baldrianduftnote wurden mehrere Winter lang von fast 100 Freiwilligen gesammelt und im renommierten Senckenberg Institut bei Frankfurt analysiert. Nebenbei bisher die größte Kooperation zwischen Ehrenamt und Wissenschaft auf Bundesebene mit über 1200 ehrenamtlichen Helfern in zwölf Bundesländern. 

Wie lautet das Ergebnis?
Wieland: Wir können mit Freude vermelden, dass die Wildkatze, die seit über 100.000 Jahren in unseren Wäldern ihr zu Hause hatte wieder einwandert. Zusammen mit der FVA in Freiburg konnten wir nachweisen, dass sie sich von Frankreich und der Rheinebene her kommend Richtung Schwarzwald ausbreitet. Leider stehen ihr die großen Barrieren wie die A8 oft noch unüberwindlich und tödlich im Wege, da es noch viel zu wenige Korridore und Grünbrücken gibt. Auch im Odenwald von Bayern her kommend und im Stromberg-Heuchelberg ist sie nachgewiesen. 
Warum sind Wildkatzen wichtig?
Wieland: Die Wildkatze steht für die ursprüngliche Wildnis in unseren heimischen Wäldern und erinnert uns daran, dass wir auch naturnahe verwunschene Wälder brauchen, wie sie die Wildkatze braucht, wo auch Platz für alte oder auch umgestürzte Bäume auf einer Lichtung in einem schönen Laubmischwald bleibt. Diese Bedingungen braucht die Katze, um zu jagen und ihre Jungen unter alten Totholzverstecken aufzuziehen. Dieser Lebensraum bietet aber auch Heimat für viele andere Tiere des Waldes wie Mäuse, Hirschkäfer und Schwarzstörche. 

Gibt es in der Region Reutlingen Tübingen auch Wildkatzen?
Wieland: Noch ist sie nicht nachgewiesen, aber der BUND hat mit dem erfolgreichen Korridor bei Herrenberg einen wichtigen Grundstein dafür gelegt, dass sie in nicht zu ferner Zukunft gefahrlos vom Nordschwarzwald über den Schönbuch auch in ihre Region einwandern kann.

Wann werden sich hier welche ansiedeln?
Wieland: Das lässt sich noch nicht sicher sagen, es zeigt sich immer öfter, dass sich an manchen Stellen auftaucht, wo wir sie noch nicht erwartet haben und deshalb ist es wichtig an dem Generationenprojekt für ein sicheres Wildtierkorridorprojekt in Baden-Württemberg weiterzuarbeiten.

Muss man vor den Tieren Angst haben, wenn man sich im Wald bewegt?
Wieland: Wenn man keine Maus ist, ihrem Leibgericht, muss Mensch sich wenig Sorgen machen. Für Menschen ist der scheue Jäger ungefährlich, es ist eher ein großes Glück, wenn man den nachtaktiven Jäger zu Gesicht bekommt.
    Interview von Dieter Reisner